Anne Holt: Der norwegische Gast - Rezension Literaturmagazin Lettern.de Anne Holt:  Der norwegische Gast

Piper Verlag
Hardcover
, 336 Seiten
Übersetzung: Gabriele Haefs
19
,90 €
ISBN: 3-492-04693-2

 

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Hanne Wilhelmsen ist wieder da – und gerät natürlich sofort in einen neuen Fall.

Der Zug, der sie von Oslo nach Bergen führen sollte, ist in einer Schneewehe entgleist. Die 269 Passagiere werden in einem Hotel untergebracht, das im einsamen Bergdorf Finse (übrigens dem höchstgelegenen Bahnhof Norwegens, 1222 Meter über dem Meer) liegt. Aber die Passagiere und die ehemalige Kommissarin sind nicht nur wegen des Schneesturms und der sich aus der "Gefangenschaft" im Hotel ergebenden klaustrophobische Atmosphäre irritiert, sondern vor allem dadurch, dass sämtliche Ausgänge bewacht werden. Irgendetwas stimmt hier nicht. Und irgendjemand scheint im Zug gesessen zu haben, der eines besonderen Schutzes bedarf. Vermutungen werden laut: Handelt es sich um ein Mitglied der norwegischen Königsfamilie oder gar um einen ausländischen Terroristen? Dann geschieht ein Mord: Ein populärer Fernsehprediger wird erschossen, und als die Exkommissarin glaubt, einen Zeugen gefunden zu haben, wird auch dieser ermordet.

Hanne Wilhemsen, die sich auch in anderen Krimis von Anne Holt sehr eigenwillig verhielt und auf ihre Mitmenschen eher abweisend und kühl wirkte, zeigt nun noch extremere Züge. Wer den Roman Die Wahrheit dahinter gelesen hat, weiß es: Die Kommissarin wurde angeschossen – und in diesem Buch erfährt man nun auch, dass sie seitdem querschnittgelähmt ist. Zur körperlichen Untätigkeit verdammt, beobachtet und analysiert sie aus ihrer sitzenden Haltung heraus, was um sie herum geschieht.

Anne Holt schildert die Befindlichkeit ihrer Protagonistin in vielen kurzen Sätzen. So heißt es beispielsweise auf nur einer einzigen Doppelseite:
"Ich interessiere mich für Menschen, aber ich will nicht, dass Menschen sich für mich interessieren."
"Ich fühlte mich wohl, so ganz für mich allein."
"Ich hörte mir an, was die Leute so redeten."
"Ich war aufrichtig erleichtert, als die Damen in Honefoss ausstiegen."
"Ich hatte mich zu früh gefreut."

Im Verlauf des Romans macht Hanne Wilhelmsen im klassischen Sinne eine Entwicklung durch: Ihre Schroffheit wandelt sich mehr und mehr in ein zaghaftes Verständnis für einige der anderen Mitreisenden.

Anne Holt ist eine sehr genaue Beobachterin menschlicher Stärken und Schwächen; die psychologische Ausgestaltung ihrer Figuren zeichnet sich durch Realitätsnähe, Verständnis und Feingefühl aus. Genau aus diesen Gründen ist der Roman lesenswert, ansonsten ist mir der Plot – inklusive der altbewährten Rezeptur des Einschließens mehrerer Menschen unter einem Dach – ein wenig zu vertraut. Auch die zögerliche Entwicklung der Story sowie der bedächtige Duktus haben mich nicht wirklich begeistert. Zum Schluss muss ich gestehen, dass ich nicht herausgefunden habe, wer denn nun der – schutzwürdige – "norwegische Gast" sein soll...

© Heide John 2009


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