Chris Quardokus: Irgendwie Schimanski
Zigarette. Kein Genuss,
Husten. Radio, Radio muss sein, weil dann das Fenster entschwindet, das höhnisch
wieder nur einen Morgen öffnet, der zu Beginn schon alt ist, schmieriger Gruß an
einen dreckigen Tag.
Du hast schon wieder mit allen Klamotten geschlafen, Ruß auf den Augen, zu viel
geschwitzt, nur vom Denken. Dieses Denken ist kein Resümieren, das fröhliche
Hineinfinden eines Zusammenhangs, geschweige denn eines Sinns. Das haben Lügner
erfunden, die den Konsum anschachern, bei dir ist es Erinnern, wenn du auf die
Stadt blickst, die die Hölle ist und du wohnst an einer Pforte davor. Erinnern
ist das Auftauchen vergangener Wünsche und ihrer Hand, in der die Zärtlichkeit
wohnt, in einem Bild, so zart wie ein Lufthauch. Das war's, das Absolute, das
Sein. Deshalb gibt es keine Gardine für deine Höhle, denn wenn dein Auge
rausfindet in das Dunsten dicker schwarzer Wolken aus gigantischen
Schornsteinen, dann findet der Traum zurück in die Vorstellung vergessener
Zartheit, die viele, viele Stunden braucht, bis sie erinnerbar ist...
Der Körper hat kein Gedächtnis für Berührung, keinen Speicher für Küsse, alles
Schale, Abgebrühte und Finstere aber sammelt sich im Kopf.
Angst hast du nicht, Angst hast du verloren, dieser dämliche Speicher weißer
glatter verschrumpelter Masse im Schädel, fehlprogrammiert in einem Archaikum,
das nur Warnungen sammelte, keine Liebe.
Heute ist die Welt nur deshalb ein Krater, weil die Wälder der Ungeheuer
verbrannt sind, und die Liebe das einzige ist, was die Jetztmenschen wirklich
suchen und erflehen. Die Welt ist voller Menschen, immer voller, je enger es
wird, desto weniger sehen sich die Menschen an, um sich nicht selbst zu
verlieren, das Gesetz der Menge. In einer übervölkerten Straße, werden sich die
Menschen bei ihren Wanderungen nicht in die Quere kommen, ja sich automatisch
ausweichen, sich also nicht anrempeln, das ist wissenschaftlich untersucht,
Intelligenz der Masse nennt man das.
Aber sie wissen nicht mehr, wie sich zueinander finden, selbst wenn sie zusammen
sind. Manche Leute reden eher mit Hunden und Pflanzen, als mit ihrem geliebten
Freund nur in Gedanken zu sprechen. Alles Gerede versinkt in einer von Floskeln
durchseuchten Sprache. Ein Misthaufen, der Gestank der Gewohnheit deckt das
Feuer zu und die Keime des Widersprüchlichen.
Dein Denken ist Andenken, Gedenken, je mehr du versuchst, diesen einzigen Moment
aus deiner Zeit herauszuholen, in dem du so ruhig warst. Es war wohl
Zufriedensein. Aber woher solltest du das wissen, denn du erkanntest das ja
nicht. Du kanntest nur Jagd. Jagen klingt spannender als es war, es war Mühsal.
Wer hat eigentlich gesagt, dass der Mensch immer strebt, dass sein permanentes
Hadern mit sich und der Umgebung ihn vorwärts bringt? Nur nicht anhalten und
baden in Wollust, das ist Zagen und Zaudern, das macht dumm. Deine Eltern?
Da lief es weiter, musste weiterlaufen, das Hamsterrad, wer weiß denn wie
Schlemmen ist, wenn er siegen muss jeden Tag? Wir arbeiten nicht, wenn wir nicht
siegen. Was du gearbeitet hast, damals so wichtig, was war es nur, die Polizei?
Der sonntägliche Mord, der immer aufgeklärt wird, denn man braucht Schuldige,
man braucht Verlierer. Dir aber ist das egal, die Nachbarn kennt man nur, wenn
sie Lärm machen, bösen Lärm, Streit, wenn ihre Wut vom Verlieren aufeinander
prallt, wenn sie sich zerfetzen, damit was passiert, wenn sie sich schneiden,
damit sie nicht ersticken in einer sumpfig eiternden Gleichgültigkeit. Die
Gehirnmasse ist trügerisch, sie erlischt nur im Schnaps, sie radiert nur im Suff
die paar beschissenen Erlebnisse aus, bei denen man sich selber anödet. Ein
kaputter Kopf taucht dann wieder auf in einer Nervenwunde. Aspirin.
Teuer ist das. Also, wozu aufklären, wer den Fernseher vom Balkon in den
Schornstein gekippt hat, einer dreht immer durch.
Das ist nicht lustig. Selbst die fetten Showtafeln nerven mit Gesichtern aus
einer besseren Welt. Ideale sind ekelig. Wer zuviel davon schluckt, wird nicht
fertig mit Kotzen. Vielleicht warst du sogar Soldat, eben nur zu oft fort, nein,
das ist nicht tragisch beim Militär, sagen alle. Du kriegst ganz viel
Weihnachtsgeld und gewaschene Unterhosen, und wenn du raus musst im Sturmgepäck,
kannst du dich kaum bewegen, so sicher ist dein Schildkrötenpanzer, alles
ferngesteuert, du auch, gut trainiert, die Kanone ist lasergelenkt, du läufst
auf GPS, und wenn der Präsident kommt, knallst du ein illegales Kernkraftwerk
ab, wie mit einem Mausklick. Dass davon eine Frau stirbt, ist Feindpropaganda.
Neuroleptika gibt’s für dein Trauma und Amphetamine gegen Schlafträume, du bist
wirklich wach, der Parasit im Jagdbomber, da fliegst du bis nach China.
Biste je geflogen? Ach, warum so sensationell, wenn du an Bauarbeiter denkst, an
die Kohlenmaulwürfe und die Stahlkocher, wirst du eher erleichtert. Vielleicht
hattest du so ein ehrliches Brot, oder eher wohl dein Vater.
Wenn du an Fabrikanten denkst, wirst du nicht böse, nur irgendwie fällt dir
wieder so ein schönes Wort wie Zyklon B ein, macht Bauchschmerzen, wenn du auf
Rauchwolken guckst, dabei bist du doch so jung.
Vielleicht Deutsche Bank, echtes Privileg ist so ein Job auf einer höheren
Etage. Die Frau, die davon gemütlich zuhause wohnt in eurem dicken Haus, hatte
eine Küche von AEG und einen Rassehund. Vielleicht warst du ja nicht immer so
verkommen, das Unglück kam schleichend heran, du hattest Spaß in der Bank, denn
ihr spieltet alle Stasi in der Personalabteilung mit den Untertanen. Es war so
niedlich, wie sie alle rannten auf Kommando, richtiges Abenteuer, wenn einer
aufmuckt, habt ihr gelacht und euch mit der hauseigenen Sammlung sämtlicher
Gesetzbücher beworfen, wie mit modernen Waffen; ein Mann, ein Buch, ein Staat,
und alle für Einen.
Da hast du sie einfach vergessen anzurufen, die hat nix gesagt von der
Fehlgeburt.
Jetzt musst du sogar lachen, die Tränen laufen dir runter, nee Deutsche Bank
war's sicher nicht, bei dem Vater. Der hat zuhause weitergekloppt, alle
Kleiderbügel auf euren Rücken.
Merkwürdig, dass du gar keine Narben hast, bist zu faul zum Nachgucken, es war
nur so ein Gedanke. So ist das niemals mit kindlichen Verletzungen, die tun
immer weh, ein prügelnder Vater bleibt ewig erhalten, zumindest als Hassobjekt.
Lebenslang unvergesslich.
Drei Stunden später beim Rumliegen, hast du den Fehler noch nicht entdeckt. Du
bist so verblendet, dass du nicht mal weißt, welchen Beruf du hattest oder hast,
bist du krankgeschrieben, warum liegst du hier rum? Das Problem durch echte
Gedankendisziplin extrahieren und anstreichen, dann Lösungsplan und
fundamentalistische Zielorientierung. Du gibst dir keine Mühe! Das kann man in
zehn Sätzen, wer so dämlich ist, dass er das nicht mehr hinkriegt, erreicht
niemals mehr etwas. Das musst dir doch klar sein, wo bitte ist dein innerer
Kritiker, wo zum Teufel ist dein Antrieb geblieben, SELBSTKONTROLLE - muss ich
dich ANSCHREIEN?
Gähnende Leere, wer hat diesen Vergleich bloß erfunden, du kannst doch nicht
müde sein, nur vom Abgammeln, wenn du keinen Bock mehr hast auf Bett und Sofa,
machst du das Radio aus und gehst saufen oder gehst zocken. Oder rumficken, sag
mal, merkst du noch was, dieses Gehen lassen ist Rumschmarotzen, aber das werden
wir dir austreiben und den ganzen Schmarotzern mit dir.
Keinen Laut wird man mehr hören von euch, wenn wir eure Bunker wegreißen, euren
Siff als Sperrmüll unterpflügen, und darauf Rasen sähen.
Auf so stinkenden Drecksäcken wie Deinesgleichen werden sicher gut Rosen
wachsen. Eine neue Zucht.
Ob du liegen bleibst oder nicht, ob du bei einem Mord dabei warst oder nicht, du
bist jetzt so schwach, dass deine Gedanken sich aufblähen wie Seifenblasen, je
größer desto bunter schillernd, platzend auch, aber sie sind so schön, richtig
glänzend, es kommen weiter neue.
Da sind die Farben, aber du sagst es niemandem. Dass du eine Arbeit machst, die
einzige, die du noch für wichtig hältst, du veränderst deine Erinnerungsbilder,
du erfindest jeden Tag deine Geschichte neu, im Kopf wirklich lebendig! Und so
lacht sie wieder, deine Frau, und richtig reden könnt ihr, und sie sagt dir was.
Und du erzählst ihr, du machst schöne neue Sätze, die länger werden, und
vertrauter, und ihr findet die richtigen Worte. Zusammen.
Das ist DEINE Arbeit. Dazu braucht man ein Radio (mit Musik zu Weghören), einen
Schlot vorm Ausblick und jede Menge Zigaretten.
Chris Quardokus, 2006, „Kalter Hund - Kurztexte für U-Bahn-Leser“
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