Chris Quardokus: Sein Schlaflied
Er hatte die Schule mit Ach und Krach absolviert. Seine Eltern hatten keine Ansprüche gestellt, ihn aber zum Arzt geschickt. Er musste Kreuzchen machen, Kärtchen, Sätze und Sprichworte sortieren, Muster bauen, Flächen zusammenbringen und sich beeilen. Es machte ihm Spaß, und seine Eltern waren erleichtert, weil der Arzt ihn lobte: Er sei begabt und die Zukunft stehe ihm offen. Als ob er nur darauf gewartet hätte, ergatterte er sich einen Job als Möbelpacker. Die grauen Kerle, die keinen Wert auf Worte legten und rücksichtslos ihre Kräfte verkauften, imponierten ihm. Er stellte fest, wie sich die Zeit spürbar wand, es war behaglich fast, und nach kurzem ging er völlig auf in ächzendem Hasten und Heben.
Als er sie sah, bekam er einen tiefen Schreck, so atemberaubend stand sie vor ihm. Er kannte keine erotische Liebe, die er hätte teilen wollen, doch als er sie erblickte, wusste er, dass sie es war, nach der er verlangte.
Sie wusste nicht, wohin mit ihren Möbelkisten, und er wollte nur noch bei ihr sein. Als er half, ihre Besitztümer umzuhäufen, wunderte er sich wieder, was Menschen so alles nötig brauchten, und er fragte sich, ob die anderen Möbelpacker auch so kahle Wohnungen hatten, wie er selbst.
Er kaufte am Abend eine riesige Rose und schrieb einen Brief, wann er sie besuchen würde, und freute sich. Sie erwartete ihn tatsächlich oder zufällig, sie setzten sich in die Küche und begannen zu schweigen. Obwohl es ihm gut dabei ging, zog er ein Gedicht hervor, um die Verlegenheit zu erleichtern. Er konnte das Gedicht auswendig, es war sein Lieblingsgedicht, und er wollte es für sie neu vorlesen:
Hälfte des Lebens
Mit gelben Birnen hänget Und voll mit wilden Rosen Das Land in den See. Ihr holden Schwäne und trunken von Küssen Tunkt ihr das Haupt Ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm ich, wenn Es Winter ist, die Blumen, und wo den Sonnenschein, Und den Schatten der Erde? Die Mauern stehn Sprachlos und kalt, im Winde – Klirren die Fahnen.
Sie schwieg, und er wusste nicht, wie sie schwieg.
Herkömmlich musste man sagen, dass es ihm gelang, sie zu erobern: Sie trafen sich, sie begannen sich zu berühren, sie wohnten zusammen. Er schwebte in einem Gefühl, dass so überwältigend war, von einer gigantischen Kraft, die ihn unüberwindbar machte, dass sie ihn durch das Jahr trug. Er bekam furchtbare Angst, als er merkte, wie unglücklich sie war. Eine plötzliche Energie erfasste ihn, die es verhinderte, dass er sich damit vor ihr in den Schlaf davonmachte. Anfangs versuchte er nicht, den Schlaf zu jagen, er versuchte den Zustand zu nutzen, um sich das Leben, was für ihn so dahin geflossen war, für sie aber so beschwerlich kam, bewusst zu machen. Er achtet darauf, was sie sagte, wie sie ihn ansah, was sie forderte. "Lies doch mal!" Er lächelte nicht, wie sonst und dachte nicht "Wozu?" Er versuchte ihr mehr Luft zu lassen. Für ihr Studium, für andere Leute, sie auf diesen Partys mal allein zu lassen. Das gelang ihm auch gut, wenn er darauf achtete. Es gelang ihm auch, sich besser anzuziehen, den heiß geliebten löchrigen Großvatermantel durch einen mit korrekter Armlänge zu ersetzen, sich weniger bunt anzuziehen und sich die Haare zu schneiden. Das war am leichtesten. Schwieriger war es schon, Philosophen zu lesen, aber er bemerkte es bald, dass es ausreichte, ins Buch zu sehen und umzublättern.
Der Schlaf, der kein Schlaf war, lies ihn die verschwommene Grenze zwischen Tag und Nacht fühlen, seine Sehnsucht bemerken nach der Sicherheit der Trennung eines Tages vom anderen. Er wurde traurig, aber er ahnte nur noch seine Trauer. Sie schlief im Bett neben ihm, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite, und er wartete brennend, dass sie sich in seinen Arm legte. Sein Liebesspiel steigerte sich in einer Weise, in der er nicht wusste, was er tun könnte, sie mehr und weiter über die Grenzen zu locken, die er so mühelos übersprang, ja, die er durch sie allein erst mal gefühlt hatte. Alltags hingegen verlor er jede körperliche Kraft. Das war nicht bedeutsam, denn er hatte zu studieren angefangen. Das heißt, er war frei. In der Zeit noch mit Schlaf hatte er sich mit ihrer Hilfe eingeschrieben, in ein Fach, an das er sich mit bestem Willen nicht erinnern konnte. Seine völlig abwesende Müdigkeit hinterließ ihm ein tiefes Fühlen einer neuen Langsamkeit und ein Schmecken, das zarte zufällige Reize selbst im Wasser lebendig machte.
Trotzdem entstand die Sorge, weil er immer weniger von den Worten der Menschen verstand. Er wusste nicht, ob sie zu ihm redeten, ja, ob sie überhaupt redeten, er sah, wie sie alle so mehrdeutig wurden.
Er wusste, es machte ihn fremder, ohne Ziel, ohne Schlaf zu sein, deshalb folgte er der Einladung des Professors zu seiner Vorlesung, irgend etwas mit Zahlen.
Vielleicht würde es ihm gelingen, bei der geduldigen Befolgung von mathematischer Logik wieder zu sich zu finden, zu dem sichern Ich füreinander.
Er setzte sich in die Holzbank, in der weiten Luft des Geistes, in der Hand die Visitenkarte des Professors. Er sah die anderen, die für ihn nur Schatten sein konnten, aber er hörte ihre Stimmen nicht, war schon verzweifelt, als der Professor Zahlen zu schreiben begann. Als nach und nach immer mehr Chiffren an die Tafel wuchsen, freute er sich, als er sah, wie das Knäuel sich aufzulösen begann und deutliche Rhythmen entstanden, als aus der Folge unpersönlicher Zahlen eine erfrischende Klarheit herauskam. Eine lebendige Flut kam über ihn und döste ihn ein. Er erspähte den Schlaf, der sich neben ihn legen wollte, aber wie eine scheue Katze beachtete er ihn nicht. Er spann statt dessen die Zahlen weiter, er erkannte sie, ehe sie, ehe sie angeschrieben waren, und da vertraute ihm der Schlaf, schlüpfte in ihn rein und deckte ihn völlig zu, dass er ihn einnahm.
Der Assistent sagte zum Professor, nachdem sich der Vorlesungssaal geleert hatte, belustigt über den Schläfer: "Wieder mal einen erledigt."
Aus "Kalter Hund - Geschichten für Kurzleser"
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