Dina Otto: Schatten in Tandail-Stadt
Die halb verfallene Mauer gähnte in goldenem Rot, als die Abendsonne hinter den Wolken hervortrat. Feiner Staub flimmerte zwischen den kümmerlichen Resten der Stadt. Die prunkvoll mit Mosaiken und Fresken ausgestatteten Lehrgebäude lagen unter anderen Trümmern begraben. Nur hier und da ragte noch ein kümmerlicher Rest der einstigen Bauwerke aus der Schuttwüste, nun nichts weiter als Skelette ihrer selbst.
Er hatte die Augen zu. Trotzdem spürte er, dass jemand gekommen war und nun vor ihm stand, dunkel, bedrohlich.
Jetzt haben sie mich, dachte er mit einem Anflug von Panik. Bewegungslos blieb er liegen. Nicht mit dem Gedanken, sein Gegenüber könnte denken, er wäre tot. Aber um den Anschein zu erwecken, dass er schliefe.
"Ja, ja!", höhnte eine raue Stimme mit unverhohlener Belustigung über ihm. Urplötzlich durchbrach sie die Stille, hallte unnatürlich verzerrt an den Mauerresten wider. Und obwohl er sie schon unzählige Male gehört hatte, klang sie kalt und abstoßend und jagte ihm unweigerlich eisige Angstschauer über den Rücken.
"Ich hatte also Recht", fuhr die Stimme in triumphalen Tonfall fort. "Nachts schlafen die Ratten doch!"
Langsam öffnete er die Augen. "Ich habe nicht geschlafen."
"Ach - wirklich?"
Zwei grelle Scheinwerfer wurden auf ihn gerichtet, zerschnitten jäh die tiefe Dunkelheit. Er blinzelte benommen und hielt sich schützend die Hände vors Gesicht. Das Licht brannte in seinen Augen, dass sie tränten.
"Steh auf!", befahl die Stimme. Wenn es dunkel wurde, schien sie noch an Schärfe zu gewinnen.
Gehorsam erhob er sich und stakste ungelenk auf die beiden Scheinwerfer zu. Seine Glieder waren klamm geworden vom langen Stillliegen. Er hatte zu lange gewartet. Das Licht erlosch und das schützende Dunkel legte sich wieder über die Schuttwüste. Gerade versank die Sonne am Horizont.
Ihm gegenüber standen drei Wesen, finstere Schatten in der hereinbrechenden Dämmerung. Eine beklemmende Kälte ging von ihnen aus, schloss sich wie eine eisige Hand um ihn und ließ ihn frösteln.
"Du bist ziemlich zäh, Aranó", bemerkte die Stimme seltsam beiläufig und lachte. Es klang boshaft und spöttisch zugleich.
"Ungewöhnlich für eine Ratte."
"Wir von der Gilde sind alle zäh!", verteidigte sich Aranó wütend. "Elarmá ist euch ja auch entwischt!"
"Aber er ist nicht sehr weit gekommen", entgegnete die Stimme voller Genugtuung. "Nur bis zu den nördlichen Quellen von Garaxa."
Aranó schwieg und senkte den Blick. Das hatte er nicht gewusst.
Ein Vogel schrie, irgendwo fiel krachend eine Mauer in sich zusammen.
"Weil er keiner von uns werden wollte", fuhr die Stimme ungerührt fort. "Er weigerte sich regelrecht zu einem Schatten zu werden. Er bestand darauf, eine kleine dumme Ratte zu bleiben, die ständig um ihr Leben bangen muss. Wie dumm von ihm!" Die Stimme lachte wieder ihr kaltes, freudloses Lachen. "Leider bist auch du um kein Haar besser, Aranó. Du verkriechst dich tagsüber in den Überresten von Tandail-Stadt und nachts schleichst du dich in finsteren Ecken herum... Willst du dein ganzes, klägliches Leben auf diese Weise fristen? - Schau, wie einfach du es haben kannst. Du brauchst mir nur die Karte zu geben..." Der Umriss einer ausgestreckten, klauenähnlichen Hand hob sich mit einem Mal von dem immer düster werdenden Abendhimmel ab.
"Nein!", schrie Aranó und machte einen Schritt zurück. "Um nichts in der Welt lass ich mir rauben, was ich noch mein Eigen nenne, nur um mich euch und eurer Armee der ewigen Schatten anzuschließen. Ihr seid einzig und allein am Weg, der zum Alten Volk führt, interessiert - zu den Hütern der Seelen ...Aber ich werde euch nicht helfen, dorthin zu gelangen!"
"Du missverstehst unsere Absichten", meinte die Stimme kühl und mit einer Gelassenheit, die Aranó für einen Augenblick verunsicherte. "Wir möchten nur die Karte. Gib sie uns und wir lassen dich ziehen."
"Niemals!"
Blitzschnell drehte er sich um, sprang über die Trümmer der eingefallenen Mauer. Er hörte die Schatten hinter sich, er spürte ihren Hass und die Kälte, die seine Sinne stumpf und seine Halt suchenden Hände taub werden ließ.
Verbissen kletterte er weiter, der Pulsschlag rauschte ihm in den Ohren und am ganzen Körper brach ihm kalter Schweiß aus.
Hastig lief er die breite Steintreppe hinauf zum großen Tempel. Die Luft staubte, war vom Poltern niederstürzender Steine erfüllt.
Wie irre, raste er durch den Säulengang, über zersplitterte Gesteinsbrocken, hangelte sich flink an der rankenbewachsenen Fassade der Bibliothek empor. Einen Moment meinte er, das Fluchen seiner Verfolger zu hören, die noch weiter drüben im Lehrsaal umherirrten und offenbar seine Spur verloren hatten.
Erleichtert lächelnd wandte sich Aranó um und balancierte auf dem Giebel der ehemaligen Bibliothek den riesigen Bäume am Opferplatz entgegen, deren Blätter sachte im lauen Abendwind raschelten.
Mich kriegt ihr nicht! Und die anderen ebenso wenig. Auch wenn ihr Tag und Nacht in den Trümmern nach uns sucht, dachte Aranó trotzig, während er in das Innere des mittleren, hohlen Baumes glitt. Dort war sein zweiter Unterschlupf; von dort führte die Geheimtür in das verzweigte Höhlensystem hinunter, das auf der Karte verzeichnet war. Es war eine alte Karte, ein zerfleddertes, verblichenes Leder nur, wegen dem sie seit langem hinter ihm her waren.
Doch wenn er es schaffte, den Weg durch das Labyrinth und das Alte Volk, die Hüter der Seelen, zu finden, wäre er für Noc-naschar und seine Schatten endlich unerreichbar...
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