Dina Otto: Flieh, braunes Kind...
Es war noch früh am Morgen, als Lia und Kapandaè aufbrachen. Schwerer, feuchter Nebel lag über der Hauptstadt der Slorten, schien noch dichter und undurchdringlicher als sonst. Nur ganz fern im Osten durchdrang die milchige Scheibe der schwachen Wintersonne die stahlgrauen, vom eisigen Wind zerrissenen Schwaden und tauchte sie in unheilverkündendes, giftgelbes Licht.
"Zegaya mbata", meinte Kapandaè mit einem prüfenden Blick zum Himmel und in Gedanken übersetzte sie: "Sie rufen ein neues Opfer aus".
"Der Gelbe Schlangenorden?", fragte Lia leise. Trotz ihrer warmen Jacke fror sie mit einem Mal und verärgert dachte sie an Shyn, die der Grund dafür war, weshalb sie beide um diese Zeit in der Stadt herumliefen.
"Komm!", drängte Lia. "Du weißt doch, Shyn wird böse, wenn wir beim Einkaufen trödeln. Es ist ohnehin eine Ausnahme, dass du mitdarfst."
Doch Kapandaè dachte überhaupt nicht daran, ihrer Freundin in das Labyrinth aus Gassen und Pfaden zu folgen. Etwas hatte ihre Aufmerksam erregt.
"Hörst du das nicht?", fragte sie Lia durch Telepathie.
"Was?"
"Diese Geräusche überall... Es klingt wie Zischeln."
Lia sah sich gehetzt um und versuchte die schleichende Angst zu unterdrücken. Augenblicklich stieg die Erinnerung an den dunklen Kuttenträger in ihr hoch, dem sie auf der Suche nach Kana und ihrer Mutter ungewollt begegnet war. Ein Prickeln im Nacken verriet Lia, dass die vermummten Gestalten wieder im dichten Nebel auf der Lauer lagen, sie umkreisten wie eine hungrige Schar Aasgeier. Unbehagen griff nach ihr, sie begann heftig zu zittern. Und plötzlich waren sie da...
Riesige Gestalten, in nachtschwarze Umhänge gehüllt, treten zwischen den Zelten hervor, zischend und flüsternd, mit unruhig flackernden Lichtern in den wachsweißen Händen. Die Säume der langen Kutten rascheln im Schnee; ihre blicklosen Gesichter sind Lia und Kapandaè zugewandt, die wie angefroren dastehen, unfähig sich zu bewegen.
Abrupt halten die Gestalten inne, bis auf eine. Mit geschmeidigen Bewegungen eilt sie weiter, die Lücke in der Schar der übrigen schließt sich lautlos.
Ich habe keine Angst, denkt Kapandaè und presst ihre Lippen aufeinander. Ich fürchte mich nicht.
Lia hat nur einen Gedanken: Fliehen! Aber schon beugt sich der Kuttenträger zu dem dunkelhäutigen Mädchen mit den orangeroten Augen herunter...
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