Dina Otto: Gefangen
… Kurze Zeit später standen die fünf Jungen dicht zusammen - gedrängt an der Tür, nur der vorgeschobene Riegel trennte sie noch vor der eisigen Nacht und den gedrungenen, umher huschenden Gestalten. Auf ein Zeichen von Sillmak traten sie hinaus. Kälte umfing sie, hüllte sie in einen lähmenden Schleier; ihr Atem - verdächtig weiße Wolken in der Dunkelheit.
In geduckter Haltung schlichen sie hintereinander aus dem Schutz der
Hütte, über den verschneiten Weg. Sillmak führte, hielt hinter dem
Lagerhaus inne und wandte sich zu den anderen um. Sein mageres Gesicht mit
den rot geränderten Augen wirkte im reflektierenden Schnee noch aschfahler
als sonst.
Direkt hinter ihm stapfte Ciret, der ihm wie ein Hund auf den Fuß folgte, in Gedanken versunken. Danach kamen Boki und Donu, die nicht wagten, den Kopf zu heben und die Mützen tief ins Gesicht gezogen hatten, weil sie glaubten, beim Anblick der Unak sterben zu müssen. Willim lief am Ende. Er war als einziger wirklich ruhig und konzentriert geblieben und versuchte vergeblich, ihre verräterischen Fußspuren zu verwischen.
"Hört mir mal alle zu", bat Sillmak, als sie alle in Deckung gegangen waren, "wir versuchen jetzt, möglichst lautlos in den Schutz des Wäldchens zu gelangen. Ich kenne da ein paar sehr gute Stellen, um dem Gefecht zu entgehen und sich unbemerkt im Dickicht -"
Er kam nicht mehr dazu, den Satz zu vollenden, denn plötzlich flog mit lautem Krachen die Tür des Haupthauses auf, Slorten schwärmten in die finstere Nacht hinaus, in den Händen spitze Dolche haltend; die Messingglocke über dem Eingang begann ungestüm zu läuten - so energisch und laut wie noch nie.
Von einem Moment auf den anderen kam Leben in das Lager: Überall gingen Lichter an, die morschen Türen der Hütten öffneten sich und Feltis mit kleinen, verschlafenen Augen und eiligst übergeworfenen, wärmenden Jacken traten verwundert heraus.
Sillmak spurtete los, dicht hinter ihm die anderen. Der Pulsschlag pochte ihm in den Ohren, in seiner Magengegend breitete sich ein flaues Gefühl aus, das ihm sowohl den Mut als auch die Selbstsicherheit nahm, die in bis dahin erfüllt hatten, bei dem Gedanken, in den Schutz der Schatten entfliehen zu können. Zurückblieb ein klaffender Spalt in seinem Inneren und gähnende, endlos schwarze Leere, die ihn unaufhörlich zu zerreißen drohte und ihn mit der blanken Angst in den Augen nur noch eines denken ließ: Hoffentlich schaffen wir es...
Sie rennen zwischen den niedrigen Hütten über die blendend weiße Schneedecke dahin, ihre Fellstiefel sinken in der Schneedecke ein. Mühsam kämpfen sie sich weiter. Es ist nicht mehr weit. Dunkel ragen die mächtigen Fichten des Wäldchens vor ihnen auf, schwanken bedrohlich. Nur noch ein paar Schritte, dann haben sie es geschafft. Aufgewirbelte Eiskristalle umgeben sie, bohren sich wie tausend Nadelstiche in ihre bläulich verfärbten Gesichter, schmerzen. Sie ringen nach Atem, die klirrende Luft brennt in ihren Lungen. Es ist nicht mehr weit...
Plötzlich waren sie von dunklen, gedrungenen Gestalten umgeben. Aus Seitenwegen brachen sie hervor, stürzten sich auf die Jungen und knebelten sie mit Fesseln, heiß wie Feuer und kälter als Eis. Drängende Stimmen, Hände, die sie fort schoben - fort von den niedrigen Hütten, die in der lebensfeindlichen Imtashá ihr Zuhause geworden waren, fort von den Slorten und dem grausamen Feldherrn Ogar Ursah.
Warum tun sie das?, dachte Sillmak und versuchte verzweifelt loszukommen. Sind sie denn nicht hier, um uns zu befreien?
Ein Zittern durchlief ihn, durchdrang ihn mit erschreckender Heftigkeit, sog ihn hinab in die endlos schwarze Kluft in seinem Inneren. Er spürte den Schmerz der sich einbrennenden Fesseln um seine Handgelenke, hörte sein Blut, das die Unterarme hinunterrann und mit einem hässlichen Klatschen große, ausgefranste Tropfen im Schnee hinterließ.
Verbissen lief er weiter, darauf bedacht, nicht über die harten Stricke nachzudenken, die sich immer weiter in sein Fleisch sägten. Er wollte es hinausschreien, den Schmerz, seine Machtlosigkeit und die Qualen, die er durch die Fesseln der Unak litt und die keiner der Jungen sonst zu erdulden gezwungen war. Doch er brachte nur einen keuchenden Laut zustande.
Er stürzte, Hände griffen nach ihm, zogen ihn wieder auf die Füße. Ich will noch nicht sterben, dachte er mit schwimmendem Blick. Nicht jetzt, nicht hier! …
(Copyright Dina Otto,
OttoMpbotto@aol.com)
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