Claire Ogro: Happy pills (Die Geschichte eines roten Katers)
Gestatten, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist Diviciacus, kurz Divi genannt. Ich bin ein wunderschöner, roter Kater – ich jedenfalls finde mich wunderschön! Aber darum geht es hier gar nicht... Mein Zuhause teile ich mit einem weiblichen und einem männlichen Zweibeiner, auch Menschen genannt sowie drei weiteren Artgenossen. Letztere wären der dicke Paul, der gar nicht mehr dick ist, aber dazu später mehr, sowie die Zwillinge Leo und Lily.
Heute brennt mir ein Thema auf den Nägeln, äh – Entschuldigung! – Krallen,
zu dem ich die Meinung der werten Leserschaft einholen möchte. Gibt es
Katzen, die "Happy pills" einnehmen? Dies zumindest behaupten die
Zweibeiner von meinen Spielkollegen, den Zwillingen Leo und Lily. Sie
fragen sich jetzt sicherlich, wie die Zweibeiner dazu kommen. Dies will
ich Ihnen an einigen Beispielen kurz näher bringen.
Wo fange ich am besten an? Also, jeder Mensch und jede Katze haben mal
einen schlechten Tag, Frauchen, die ich gerne Mama nenne, sagt immer
"Blues" dazu. Für Leo und Lily gilt das nicht. Sie sind immer gut drauf.
Es kann passieren, was will, sie sind einfach vergnügt. Mama sagt manchmal
scherzhaft, neben den beiden könnte man ein Flugabwehrgeschütz abfeuern –
was immer das sein mag – und sie wären immer noch völlig happy. Paul und
ich fragen uns auch immer, wie das sein kann. Wir zwei sind ja beileibe
auch keine Feiglinge, nicht, dass das jetzt jemand denkt, aber wir sind
von Natur aus eher vorsichtige Gesellen und ziehen bei dem kleinsten Lärm
die Sicherheit des Bettes vor. Nicht so Leo und Lily! Entweder verschlafen
sie die ganze Aufregung oder sie gehen sogar zum Fenster und gucken nach,
wo der Lärm herkommt! Paul, der ja genau wie ich vom Bauernhof kommt, hat
mir mal erzählt, dass so einen Krach nur große, stinkende Monster
verursachen, vor denen man rennen muss. Paul hat so Monster nämlich schon
gesehen. Gut, ich nicht, ich war noch zu klein, aber an den fürchterlichen
Lärm kann ich mich auch noch erinnern.
Oder ein anderes Beispiel. Paul war krank, sogar sehr krank, deshalb ist
er auch gar nicht mehr dick, sondern schön schlank und wie Mama
anerkennend festgestellt hat, inzwischen auch pfeilschnell. Er hat nicht
mehr fressen wollen und auch ganz merkwürdig gerochen. Außerdem verletzte
er das Reinlichkeitsgebot von uns Katzen. Wir haben alle drei die Nase
gerümpft und ihn gemieden. Da waren wir, die Zwillinge und ich, uns einig,
mit dem Stinker wollten wir nichts zu tun haben! Unsere Zweibeiner waren
auch nicht begeistert, haben sich – sehr zu unserer Verwunderung – aber
nicht aufgeregt, sondern waren eher sehr besorgt. Einmal – es war mitten
in der Nacht – haben sie Paul in eine Box gesperrt und sind mit ihm
weggegangen. Wir haben alle ganz schön gezittert, was jetzt mit unserem
Kumpel passieren würde, zumal er fürchterlich geweint hat. Wir haben uns
dann zur Sicherheit im Schrank versteckt, was eigentlich ein absolutes
Tabu ist – in der Nacht gab aber keinen Ärger. Als sie mit ihm
wiederkamen, hat er ganz fremd gerochen. Es war widerlich! Am nächsten Tag
wurde Paul nochmals weggebracht und kam erst nach zwei Tagen wieder. In
der Zeit haben die Zweibeiner wie verrückt die Wohnung auf den Kopf
gestellt und etwas getan, was sie putzen nennen. Alles war ganz
merkwürdig. Vor allem meine Mama war ganz komisch. Sie war lieb zu uns und
besonders auch zu mir, weil ich immer versucht habe, sie aufzumuntern,
aber sie war ganz unruhig und traurig. Ich konnte ihre Angst förmlich
riechen. Apropos riechen, nichts in der Wohnung roch mehr so wie vorher,
unsere ganzen Markierungen waren weggewischt, alles wurde geputzt,
gewaschen, umgeräumt und auf den Kopf gestellt. Mir ist die ganze Sache
ebenfalls völlig auf den Magen und die Psyche geschlagen. Ganz anders
waren da Leo und Lily. Sie liefen durch die Wohnung, untersuchten alles,
als wäre das ein lustiges Spiel. Ganz nach dem Motto: Juchu, die Welt ist
bunt und schön. Lily hat bei der Putzaktion sogar noch mitgewirkt, indem
sie immer wieder Stellen verriet. Einfach schändlich, solch ein Verhalten!
Den eigenen Artgenossen so in die Pfanne zu hauen! Ich, ich habe solche
Stellen selbstverständlich gemieden, aber nichts verraten!
Beispielhaft sind überdies die Nächte: Mama stellt uns schön kuschelige
Betten hin, in denen wir drei Kater schlafen. Madame, sprich Lily, hat
einen Sonderplatz auf dem Sofa, wo sie ihre Schlafdecke hat. Klar, wir
dürfen da auch drauf, aber versuchen sie das mal! Es ist nicht so toll,
wenn man andauernd eins auf die Nase bekommt. Also liegen wir Kater zu
dritt im Flur. Der männliche Zweibeiner nennt uns die "Skatrunde". Den
Platz hat Paul mal irgendwann ausgesucht, weil es der wärmste in der
ganzen Wohnung ist. Wenn nachts einer der Zweibeiner aufsteht, dann
springt Leo sofort auf und läuft ihm total freudig entgegen und fordert
ihn zum Spielen auf. Wie kann man mitten in der Nacht so aufgedreht sein?
Ich brauche meinen Schönheitsschlaf! Die Zweibeiner schicken ihn in
solchen Situationen etwas genervt wieder ins Bett. Seine Schwester ist
ähnlich drauf. Wird sie nachts wach, dann ruft sie uns mit ihrem
Elfenstimmchen. Zuweilen hört man Mamas wenig begeisterte Stimme aus dem
Schlafzimmer: "Quitschie, schlaf jetzt!"
Eine weitere Auffälligkeit ist auch das Verhalten beim Schimpfen. Wir sind
zwar die liebsten Katzen der Welt, aber gelegentlich geht auch mit uns mal
der Gaul durch und wir toben über Tische und Bänke. Meist machen wir das,
wenn wir sturmfreie Bude haben, dann kann keiner schimpfen, weil niemand
nachweisen kann, wer genau den Unsinn produziert hat, wie etwa den
Schlafzimmerschrank aufgemacht und ausgeräumt, Blumen angekaut oder über
den Herd spaziert. Wir sind ja nicht blöd! Wir wissen schon sehr genau,
was wir dürfen und was nicht! Aber es macht doch solchen Spaß... Na ja,
das ist eine andere Geschichte! Werden wir mal erwischt, dann gibt es
natürlich Schelte. Paul und ich verziehen uns dann für den Rest des Tages,
um nicht noch mehr Unmut auf uns zu ziehen. Leo und Lily stört das gar
nicht. Kurz nach dem Ärger laufen sie wieder ganz ungezwungen durch die
Gegend, als wäre nie etwas gewesen. Leo ist sogar noch cooler. Wenn er
erwischt wird, wie er zum Beispiel auf dem Tisch die Blumen in der Vase
ankaut, dann – man glaubt es nicht – bleibt er seelenruhig sitzen, so nach
dem Motto: Ich bin eine Dekokatze. Erst beim dritten "Hoffentlich bist du
bald vom Tisch!" reagiert er mal ganz langsam wie in Zeitlupe. Gut, bevor
die Zweibeiner in seiner Nähe sind, ist er auch weg, aber dennoch finde
ich das Verhalten verdammt dreist. Die Zweibeiner schütteln auch immer mit
dem Kopf.
Ganz abgedreht wird es aber mit den beiden, wenn es um Streicheleinheiten
geht. Ich lasse mich unwahrscheinlich gerne von Mama verwöhnen. Andere
Hände mag ich eigentlich nicht. Gelegentlich haue ich dann auch mal zu.
Mama warnt fremde Menschen deshalb immer vor und sagt denen, ich wäre
"Link, der Butler". Ich kenne diesen Link zwar nicht, aber er ist mir
irgendwie sympathisch! Ich finde halt, dass nur Mama weiß, was gut für
mich ist. Paul ist anders, er lässt sich auch von anderen anfassen, aber
immer nur mit Sicherheitsabstand. Alle jubeln, wenn er einen Diener macht.
Das ist so eine Eigenart von ihm. Er zieht, wenn er gestreichelt wird,
immer den Kopf zwischen die Vorderbeine. Ich meine zwar, dass das völlig
affig ist, aber mich fragt keiner. Noch schlimmer sind aber die Zwillinge!
Die lassen sich zwar nur von unseren Zweibeinern anfassen, aber dann
geht’s rund. Der männliche Zweibeiner klopft denen mit seiner flachen Hand
aufs Hinterteil und Leo und Lily schnurren, gurren, drehen und wenden sich
und fangen an zu sabbern. Zu sabbern – das muss man sich mal vorstellen!
Also, das geht ja gar nicht! Die drehen wirklich völlig durch und können
gar nicht genug bekommen. Selbst wenn sie eins gewischt bekommen. Und
genau das sind die Momente, wo unsere Zweibeiner sagen, die wären völlig
schmerzfrei, hätten "Happy pills" genascht oder wären als Kitten da hinein
gefallen wie ein Herr Obelix in so einen Zaubertrank.
Oder neulich auf dem Balkon: Mama hat da mehrere Blumenkübel stehen und
für uns Katzengras. Das Betreten der Blumenkübel ist uns unter Androhung
von Strafe verboten worden. Leo interessiert das nicht! Er legt sich
einfach mitten rein. Mama ist dann wenig begeistert, wenn ihre Blumen
platt sind, aber sie ist ja nicht immer mit uns draußen. Ich mache so
einen Unsinn natürlich nicht! Na ja, nicht solchen... Ich habe dafür schon
im Wohnzimmer der Nachbarin gesessen. Ähem – aber das ist wieder eine ganz
andere Sache. Zurück zu Leo und dem Blumenkübel! Mama hat zur Abschreckung
künstliche Pilze zwischen die Blumen gesteckt. Die wirken aber auch nicht
bzw. anders als sie sollen. Leo benutzt sie als "Kuschelpilze". Der
männliche Zweibeiner meinte dazu nur kopfschüttelnd: "Entweder 'Happy
pills' oder 'Happy Pilze', Hauptsache er merkt nichts!"
Jetzt frage ich Sie, ist das möglich, dass meine Katzenkollegen heimlich
Drogen nehmen? Haben sie schon mal von so einem unglaublichen Fall gehört?
Ich kenne sämtliche Ecken der Wohnung und inspiziere auch ständig das
Futter der anderen – wenn ich nicht vorher erwischt werde, aber Drogen –
Drogen habe ich noch nie entdeckt. Übrigens, was sind eigentlich Drogen?
(© Copyright Claire Ogro, 2008,
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