Claire Ogro: Der Sinn des kleinen Warum - oder: Warum manche Fragwörter wichtiger sind als andere
Das kleine Warum hatte mal wieder einen anstrengenden Tag hinter sich gebracht. Es konnte die Anzahl seiner Einsätze gar nicht mehr zählen und stellte sich selbst die Frage: "Warum bin ich so häufig im Einsatz, wenn es doch auch noch andere kleine Fragewörter gibt?"
Es wusste nur, dass es eine Tatsache war, dass das Wort "Warum" wirklich
überdurchschnittlich oft bei Fragen bemüht wurde. Selbst im Kleinkindalter
war es eines der wichtigsten Fragewörter des Menschen.
Das kleine Warum beschloss, seiner eigenen Frage mal nachzugehen. Das
Vorhaben verschob es aber auf den nächsten Tag, da es einfach zu müde war.
Das kleine Warum bekam in dieser Nacht kaum ein Auge zu, da es ständig
geweckt wurde. Zu fast jeder Zeit, an fast jedem Ort dieser Welt stellte
ein Mensch eine Frage nach dem Warum. Eine der bekanntesten Fragen war
wohl die "Warum ist das so und nicht anders-Frage".
Am nächsten Morgen beschloss das kleine Warum andere Fragewörter zu Rate
zu ziehen. Im Laufe des Vormittags traf es das Wer. Das Warum fragte das
Wer: "Hattest du heute auch so viele Einsätze?"
"Nein", antwortete das Wer, "mein Haupteinsatzgebiet war mal wieder die
Frage 'Wer bist du?'" Lange konnten die zwei aber nicht plaudern, dann
hatten sie wieder wichtige Einsätze.
Wenig später begegnete es dem Wie. Auch dieses fragte es neugierig nach
seinen Einsätzen. Das Wie erzählte ihm, dass seine Hauptaufgabe heute in
der Frage "Wie geht’s?" bestanden hätte, es aber nicht übermäßig
frequentiert wäre, da die Frage wohl irgendwie außer Mode kommen würde.
Kurz darauf lief ihm das Wo über den Weg. "Hallo Wo, hast du heute auch so
einen anstrengenden Tag?"
"Es geht so", sagte das Wo. "Heute fragen sich mal wieder ganz viele
Menschen, wo etwas ist. Ein Teil des menschlichen Daseins scheint aus
Suchen zu bestehen."
Auch mit dem Wo konnte sich das kleine Warum nicht lange unterhalten. Die
Arbeit rief beide.
Am Nachmittag trafen das Warum und das Was aufeinander. Kaum wollten sie
miteinander reden, da stellte sich ein Mensch kurz hintereinander die
Fragen: "Was soll das?" und "Warum muss es ausgerechnet jetzt regnen?"
Das Was war sehr in Eile, da es schon wieder gebraucht wurde. Es rief dem
Warum nur kurz zu: "Du glaubst ja gar nicht, wie oft ich für diese Frage
zum Einsatz komme..."
Als das kleine Warum mal eine kurze Verschnaufpause hatte und es über das
Erlebte nachdachte, fiel ihm auf, dass die Einsätze der anderen kleinen
Fragewörter relativ oberflächlicher Natur waren. Es war etwas verwirrt und
beschloss deshalb seine Cousins aufzusuchen und diese um Rat zu fragen. Es
wusste nämlich, dass seine Cousins auch ein sehr anstrengendes Leben
führten.
Das Warum besuchte also seine Cousins das Wieso und das Weshalb. Es
erzählte den beiden, was es von den anderen Fragewörtern erfahren hatte.
Wieso und Weshalb hörten geduldig zu und erklärten dem Warum dann: "Liebes
Warum, das ist so: Die anderen Fragewörter kommen zum Einsatz, wenn es um
etwas Konkretes geht. Wir werden gebraucht, um zu hinterfragen. Der Mensch
will begreifen, was ihn umgibt. Er kann aber nur begreifen, wenn er Fragen
stellt. Auf die meisten Fragen erhält er Antworten. Diese Antworten sind
wie Teile eines Puzzles, die zusammengesetzt irgendwann mal ein Ganzes
ergeben sollen, das Sinn macht. Das sinnvolle Ganze ist aber fast
unmöglich zu erreichen, da irgendein Teil immer fehlt oder nicht passt.
Deshalb stellt der Mensch immer wieder neue Fragen nach dem Sinn, die mit
warum, wieso oder weshalb beginnen. Das menschliche Dasein ist eigentlich
eine einzige Frage. Es gibt allerdings Fragen, bei denen selbst wir nicht
weiterhelfen können, da es auf manche Fragen einfach keine Antworten gibt.
Wenn du ganz aufmerksam zuhörst, kannst auch du eine ganze Menge lernen."
Das kleine Warum war überwältigt von dem, was ihm das Wieso und das
Weshalb erzählt hatten. Zögerlich fragte es da dann: "Wir sind also
richtig wichtig?"
"Ja, kleines Warum, das sind wir", antworteten die zwei.
"Wenn das so ist, will ich mich nie wieder über meine vielen Einsätze
beschweren, denn sie sind ja sinnvoll", erwiderte das kleine Warum.
Stolz und glücklich verließ das kleine Warum seine Cousins und ging heim,
um freudig auf seine nächsten Einsätze zu warten. Jetzt wollte es sich
auch nie wieder über seine häufige Verwendung beklagen.
(© Copyright Claire Ogro, 2008,
E-Mail:
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