Claire Ogro: Kein Tag wie jeder andere
"Können wir los oder musst du noch nachgurten?", wollte Carolin von Kirsten wissen. –
"Bin fertig! Wir können los. Wo lang?", erwiderte Kirsten, die jetzt mit ihrem Pferd zu Carolin aufschloss. – "Ich würde sagen, über die Straße und dann am Freibad links in den Wald." – "Gute Idee! Da waren wir schon lange nicht mehr. Dann mal los!"
Carolin und Kirsten lenkten ihre Pferde über den Feldweg bis zur Straße.
Na ja, Straße konnte man nicht wirklich sagen. Eigentlich war es ein
Landweg und so hieß er auch, aber immerhin war er der Verbindungsweg
zwischen zwei Orten und an Wochentagen auch ziemlich befahren. Heute, am
Sonntag, war so gut wie gar nichts los. Carolin und Kirsten konnten die
Straße ohne Probleme überqueren. Bis zur Waldeinmündung am Freibad mussten
sie noch ein Stück eines landwirtschaftlichen Weges lang.
Während die Pferde gemütlich vor sich hintrotteten, unterhielten sich
Carolin und Kirsten angeregt. Die Pferde schienen den Ausritt genauso zu
genießen wie die beiden Frauen. Es war kein schöner Oktobertag, es war
kühl und grau, aber es regnete wenigstens nicht. Der Vorteil an dem Wetter
war, dass es keine lästigen Fliegen gab.
Nach kurzer Zeit hatten sie den Wald erreicht und bogen ein. Sie ritten
hinein bis zu einer langen Geraden, die sie gern als Galoppstrecke
nutzten. Carolin und Kirsten gaben den Pferden die Sporen und jagten sie
den Waldweg lang. Das Gefühl von Freiheit war herrlich. Sie hatten auch
wirklich Glück, dass heute, aufgrund des trüben Wetters, fast gar keine
Spaziergänger unterwegs waren. Genau dieser Umstand, die vermeintliche
Ungestörtheit, veranlasste sie auch dazu, ihre Pferde auf einer Lichtung
zu stoppen.
Carolin und Kirsten ließen die Zügel locker, damit die Pferde grasen
konnten und unterhielten sich über den vergangenen Abend, den sie im
Musical "Starlight-Express" verbracht hatten. Gut gelaunt und übermütig
wie sie waren, stimmten sie Lieder aus dem Musical an, bis... bis
Spaziergänger auftauchten, die sie kopfschüttelnd, aber über das ganze
Gesicht grinsend, ansahen. Den beiden Frauen war die Situation furchtbar
peinlich. Wie sollten sie wissen, dass der Tag noch mehr solcher
Situationen für sie bereit halten sollte...
Carolin und Kirsten beschlossen den geordneten Rückzug. Sie lenkten die
Pferde zurück auf den Weg und ritten Richtung Stall. Wie auf dem Hinweg
mussten sie wieder die Straße überqueren. Kirsten passierte diese auch
ohne Probleme. Sie war schon auf dem Feldweg zum Stall, als sie sich nach
ihrer Freundin Carolin umdrehte, die plötzlich nicht mehr neben ihr war.
Diese stand mit ihrem Pferd mitten auf der Straße. Ihrem Wallach war
mitten auf der Straße eingefallen, dass er ein dringendes Bedürfnis zu
erledigen hätte. Carolin konnte auf dem Rücken des Pferdes anstellen, was
sie wollte, der Gaul ließ sich nicht einen Millimeter von der Stelle
bewegen.
Das Pferd machte, wonach ihm gerade war – es pieselte. Als wäre das nicht
schon schlimm genug, kamen ausgerechnet jetzt auch von links und rechts
Fahrzeuge, die anhalten mussten. Carolin suchte vergeblich nach einem
Mauseloch, in das sie sich hätte verkriechen können. Kirsten, auf der
anderen Seite der Straße, saß auf ihrem Pferd und konnte sich vor Lachen
nicht mehr halten, die Leute in den Autos aber auch nicht. Da war niemand,
der hupte oder sich aufregte. Nein! Sie lachten einfach alle nur. Carolin,
die inzwischen puterrot im Gesicht war, wunderte sich plötzlich über die
Handbewegungen der Zuschauer. Sie sah ganz unauffällig nach unten und
erschrak. Ihr Pferd hatte nicht einfach nur gepieselt, sondern die Straße
geflutet. Sie wäre am liebsten im Erdboden versunken. Sie glaubte in dem
Moment noch nicht im Traum daran, dass dieses Ereignis noch zu toppen
wäre.
Endlich ließ sich ihr Pferd herab und setzte sich wieder in Bewegung. Die
restlichen Meter bis zum Stall verliefen dann ohne weitere Zwischenfälle.
Am Stall angekommen, konnte sich Kirsten immer noch nicht beruhigen. Sie
musste natürlich allen erzählen, was sich da auf der Straße zugetragen
hatte. Carolin kochte innerlich, ließ es sich aber nicht anmerken, weil
sie dann noch mehr zum Gespött geworden wäre. Zur Tarnung lachte sie
einfach mit. Tatsächlich hätte sie ihrem Pferd, ihrer Freundin und einfach
jedem irgendwo hintreten können.
Carolin und Kirsten sattelten die Pferde ab, putzten sie noch einmal
drüber, verstauten das Sattelzeug und brachten die Pferde zur Weide am
Bach. Beide Pferde waren robuste Kaltblüter, die nur im Winter, wenn es
ganz eisig war, in den Stall kamen. Ansonsten waren sie bei Wind und
Wetter auf der Weide. Es war eine schöne, große Weide direkt am Bach. An
zwei Seiten grenzte sie direkt an einen Wald. Die Weide war umzäunt mit
Stacheldraht und Elektroband. Die Pferde hatten einen großzügigen, mit
Stroh ausgestreuten, Unterstand, wo sie sich bei Regen unterstellen
konnten. Eine alte Badewanne diente als Tränke. Das Wasser wurde noch ganz
altmodisch aus dem Bach geholt.
"Wasser brauchen wir noch, Carolin", sagte Kirsten. – "Wer schöpft und wer
nimmt an?", fragte Carolin nur knapp, da sie immer noch angefressen war. –
"Ich geh auf die Brücke und schöpfe", gab Kirsten zurück.
Sie ging auf die Brücke, warf einen Eimer in den Bach und zog ihn am Seil
wieder hoch. Carolin nahm ihn an und entleerte den Inhalt dann in die
Badewanne. Das Ganze wiederholten sie einige Male, bis Kirsten das feuchte
Seil aus der Hand rutschte und ihr der Eimer ins Wasser fiel. Die Strömung
des Bachs trug ihn gleich fort. An einer Biegung verfing sich aber das
Seil und der Eimer hing fest.
"Ich geh runter und versuche an den Eimer zu kommen", sagte Kirsten. – "Am
besten versuchst du, mit einem Stock an ihn heranzukommen", riet Carolin.
– "Ich mach das schon!", meinte Kirsten ganz locker.
Carolin betrat gerade die Brücke, um die Aktion zu beobachten, da hörte
sie ihre Freundin rufen: "Ich hab einen!" Kurz darauf hörte sie ein lautes
"Platsch". Carolin beeilte sich, ans Geländer zu kommen, um nachsehen zu
können, was passiert war. Unten sah sie ihre Freundin im Wasser liegen,
ganz nah beim Eimer. Sie musste sich fürchterlich zusammenreißen, damit
sie noch fragen konnte, ob sich Kirsten beim Sturz etwas getan hatte.
Nachdem diese verneint hatte, konnte sich Carolin nicht mehr halten. Sie
brach in schallendes Gelächter aus.
Alarmiert von ihrem lauten Lachen kamen weitere Reiter und Mitarbeiter des Hofes angelaufen. Auch diese konnten sich der Situationskomik nicht entziehen und lachten los.
Kirsten fand die Situation bei Weitem nicht so komisch, denn sie war
ziemlich nass. Reichlich angesäuert krabbelte sie – immerhin mit dem Eimer
– aus dem Bach, kroch die Böschung rauf und warf den Eimer voller Wut auf
den Boden.
Von Lachkrämpfen geschüttelt und mit Tränen im Gesicht fragte Carolin:
"Was ist denn passiert?" – "Ich hatte einen Ast gefunden, aber der war
noch im Boden verwurzelt. Beim ersten Ziehen ließ er nicht nach, dann habe
ich stärker gezogen und dieses Mal gab er nach. Da habe ich den Halt
verloren...", berichtete die nasse und frierende Kirsten.
Ihre Schilderung trieb jetzt allen die Tränen in die Augen. Außer dem
allgemeinen Gelächter hörte man zwischendurch noch ein gestammeltes,
nachgeäfftes "Ich hab einen!".
Kirsten hatte die Nase endgültig voll und meinte nur: "Ich will nach
Hause!" – "Okay, wir fahren ja", erwiderte Carolin, "aber so kommst du
nicht auf den Beifahrersitz. Du machst nur alles nass. Wir schieben den
Sitz nach ganz hinten und du hockst dich in den Beifahrerraum." – "Wie
gnädig, dass ich überhaupt mitfahren darf!", gab Kirsten patzig zurück. –
"Das ist die gerechte Strafe! Warum hast du auch so gelacht, als meiner
die Straße überschwemmt hat! Du weißt doch: Die kleinen Sünden bestraft
der liebe Gott sofort...", bemerkte Carolin abschließend. – "Haha! Lass
uns endlich fahren!"
Noch lange nach diesem Tag war der Satz "Ich hab einen!" ein Ausspruch,
der sofort bei allen, die es miterlebt hatten, für Gelächter sorgte. Aber
selbst Neuzugängen auf dem Hof wurde die Story immer gleich erzählt. Für
Carolin und Kirsten stand fest, dass dies kein Tag wie jeder andere war.
(© Copyright Claire Ogro, 2008,
E-Mail:
c.ogrz@t-online.de)
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