Claire Ogro: Asi es la vida
Nina genoss die Aufmerksamkeit, die ihr als Künstlerin bei der ersten Ausstellung ihrer Bilder zuteil wurde. Sie beantwortete brav alle Fragen der Besucher und der Presse. Von so einem Erfolg hätte sie nie zu träumen gewagt. Sie merkte, wie langsam die Anspannung und Nervosität von ihr abfielen. Es war einfach nur toll! Sie war wieder wer! Das war nicht immer so.
In einem unbeobachteten Moment schlich sich Nina mit einer großen Tasse Kaffee in einen Nebenraum und ließ sich da in einen Sessel plumpsen. Obwohl die Glückshormone in ihr nur so hüpften, machte sich eine leichte Erschöpfung breit. Ihre Krankheit fing an, ihr ihre Grenzen aufzuzeigen. Das war auch nicht weiter verwunderlich, da sie die letzten Nächte vor dem großen Tag so gut wie gar nicht geschlafen hatte. Nina kramte in ihrer Handtasche nach ihren Zigaretten. Da ein Aschenbecher vor ihr auf dem Tisch stand, war es wohl in Ordnung, dass sie rauchte. Wenn nicht, war es ihr – ehrlich gesagt – auch egal. Sie schloss für einen Moment die Augen und ließ die letzten zwei Jahre ihres Lebens Revue passieren, zumindest den Teil, an den sie sich erinnerte bzw. erinnern wollte.
Vor gut zwei Jahren stand sie vor einem Trümmerhaufen. Ihr bis dahin wenig
spektakuläres Leben war völlig aus den Fugen geraten. Ihre Gesundheit war
angeschlagen. Wie sehr sollte sie erst später erfahren. Sie musste ihren
Beruf deshalb aufgeben und ihre Ehe scheiterte. Es folgte eine Phase, die
sie heute als die ganz dunkle in ihrem Leben bezeichnete. Da war auch das
Jahr, an das sie sich kaum mehr erinnerte. Hin und wieder kamen
Erinnerungsfetzen wie durch einen dichten Schleier hoch, aber sie
versuchte gar nicht erst, diese weiter zu aktivieren. Es war die Zeit der
Tabletten, der Ess-Störung, der vermeintlich „guten Freunde“, der
Verzweiflung, der Tränen und der Desorientierung. Ihr Leben, das immer
straff organisiert und kontrolliert war, verwandelte sich in ein
Riesenchaos. Es kam, wie es kommen musste. Unter der Last brach Nina
zusammen, ihre Nerven wollten nicht mehr. Die ersten Tage in der Klinik
verbrachte sie in völliger Apathie. Sie verweigerte Essen, Trinken und
Medikamente. Erst die Bemerkung, dass es allein von ihr abhinge, wann sie
wieder nach Hause könnte, mobilisierte ihre Kräfte. Plötzlich war er
wieder da – der alte Kampfgeist. Sie stellte sich auf die Hinterbeine und
setzte alles daran, wieder gesund zu werden, zumindest psychisch. Zu ihrer
großen Überraschung gab es da etwas, das, außer ihrer Familie und einigen
ganz wenigen wirklichen Freunden, den Supergau überstanden hatte – ihre
neue Liebe.
Gemeinsam beschlossen sie, Ninas Leben wieder in ruhigere Fahrwasser zu bringen. Nina hatte eigentlich nicht zu hoffen gewagt, dass ihr so ein Wunder zuteil werden würde. Sie hatte Kevin in der Zeit kurz vor ihrem Zusammenbruch kennen gelernt. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, aber sie ergab sich aus langen, intensiven Gesprächen. Zu der Zeit hätte sie überhaupt nicht daran gedacht, dass sich jemand ernsthaft für sie interessieren könnte, so daneben wie sie war. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ihr Körper glich dem eines Knochengerüsts und ihr Gesicht war verhärmt vor Kummer. Von der früher attraktiven, lebenslustigen, selbstbewussten und erfolgreichen Frau war rein gar nichts mehr übrig geblieben. Die Power-Frau war mutiert zu einer verschüchterten, grauen Maus, die absolut planlos war. Kevin sah aber von Anfang an mehr in ihr. Er sollte mehr als recht behalten!
Nach dem Klinikaufenthalt kapselte sich Nina erst einmal von der Außenwelt
ab und zog Bilanz. Sie analysierte ihr bisheriges Leben und ging der Frage
nach, wie es so weit mit ihr hat kommen können. Anschließend sortierte sie
rigoros aus, was ihr schadete. Nach und nach schloss sie mit ihrem alten
Leben ab. Sie trennte sich von angeblichen Freunden, ließ sich scheiden
und orientierte sich komplett neu. Mit jedem Tag ihres neuen Lebens wurde
sie stärker und selbstbewusster. Ihre alte Stärke kehrte zurück und damit
auch ihre Lebensfreude. Sie fand ihr altes Lachen wieder. Nina hatte
früher immer andere mit ihrem Lachen anstecken können. Zusammen mit Kevin
überstand sie dann auch Turbulenzen, die sich noch aus ihrem alten Leben
ergaben, aber auch die Hiobsbotschaften des neuen Lebens.
Die Nachricht, dass sie nie wieder in ihren Beruf zurück konnte, warf sie ebenso wenig aus der Bahn wie die Tatsache, dass sie unheilbar, wenn auch nicht lebensbedrohlich krank war und die Prognosen für den weiteren Verlauf nicht gerade positiv waren. Nina nahm das alles mit einer stoischen Gelassenheit hin, ebenso wie die vielen Arztbesuche, die jetzt zu ihrem Alltag gehörten. Kommentare wie "Deine Arzttermine passen noch nicht einmal auf ein Tour-Shirt, da müsste man einen ganzen Umhang mit Schleppe anfertigen" ihres Bruders oder "Du hast auch mal in einer dunklen Ecke gestanden und gerufen, wenn noch einer Krankheiten übrig hat, dann bitte zu mir" ihrer Mutter, nahm Nina inzwischen lächelnd hin. Sie wusste ja, wie diese Äußerungen gemeint waren. Außerdem machte sie auch selbst Späße über ihre Gesundheit. Ein häufiger Ausspruch von ihr, der stets zu kopfschüttelndem Lachen führte, war: "Lasst das mal die Oma machen!". Nach einer Oma und dazu noch nach einer kranken sah Nina wirklich nicht aus.
Nur manchmal war sie traurig. Immer dann, wenn sie zurückdachte, an die vielen Dinge, die sie gern gemacht hatte in ihrem alten Leben. Nina liebte Bewegung. Sie fuhr wahnsinnig gern Rennrad, ritt, schwamm und tanzte. All das konnte sie aufgrund ihrer Erkrankungen nicht mehr. Manchmal erinnerte sie sich wehmütig zurück an die Zeit, in der sie mit ihrer Schwester zusammen ausgeritten war und sie dabei ihre Lieblingslieder schmetterten – sehr zum ungläubigen Staunen argloser Waldspaziergänger. In solchen Momente wurden Ninas Augen ganz dunkel und Tränen schimmerten darin. Kevin bemerkte diese Momente sofort und irgendwie schaffte er es immer, sie wieder aufzuheitern. Er war es auch, der sie ermutigte, doch im Rahmen ihrer gesundheitlichen Möglichkeiten wieder aktiv zu werden. Das Dasein als Rentnerin war für Nina nicht gerade die Erfüllung, obwohl sie durch die Arzttermine ja eigentlich Abwechslung genug hatte. Dennoch empfand sie, die sowohl beruflich, als auch nebenberuflich erfolgreich war, ihren derzeitigen Zustand als Statusverlust, der an ihrem Ego nagte.
So fing Nina wieder mit der Malerei an, die sie so lange sträflich vernachlässigt hatte. Mit der Zeit wurde sie immer besser. Es machte ihr Spaß kreativ zu sein. Beim Gestalten ihrer Bilder verging die Zeit wie im Flug, sie vergaß sogar für einige Zeit den ganzen Ärger, der eigentlich hinter ihr liegen sollte. Die kreative Beschäftigung förderte Ninas Zufriedenheit und stärkte weiter ihr Selbstbewusstsein. Irgendwann kamen die ersten kleinen Auftragsarbeiten.
Kevin fand schließlich, dass sie ihre Bilder ausstellen sollte. Nina hatte ihre Zweifel, ob die Bilder gut genug dafür wären. Sie fand immer wieder neue Ausreden, warum sie ihre Bilder nicht öffentlich zeigen konnte, entweder waren sie ihrer Meinung nach zu groß, zu klein, zu rot, zu grün – irgend einen Makel fand sie immer. Auf Kevins Drängen und bestärkt durch die Begeisterung ihrer Kunden, traute sie sich dann aber doch mal mit einigen Bildern zu einer Kunstwerkstatt in ihrer Nähe. Eigentlich wollte sie nur die Meinung von Experten einholen. Eigentlich... Das Resultat war - der heutige Abend.
Irgendwie war das noch ziemlich irreal für Nina! Schon als sie die Ankündigung in der Zeitung gelesen hatte, meinte sie, da wird über eine Fremde berichtet. Richtig begreifen, würde sie es bestimmt erst in ein paar Tagen, wenn sich die ganze Aufregung gelegt hatte.
"Nina, wo bleibst du? Deine "Fans" warten auf dich!", sagte Kevin
plötzlich mit einem verschmitzten Grinsen zu ihr. Sie hatte gar nicht
bemerkt, dass er den Raum betreten hatte.
"Ja, wenn das so ist, dann will ich sie nicht länger warten lassen", gab
sie zurück und dachte, wenn mit das jemand vor einem halben Jahr gesagt
hätte, hätte ich ihn für verrückt erklärt, aber wie sagt der Spanier: Asi
es la vida ...? Ja, so war das Leben wohl! Wie auch immer, für sie zählte
nur die Tatsache, dass sie wieder jemand war. Sie war wieder Nina, wenn
auch eine andere.
(© Copyright Claire Ogro, 2008,
E-Mail:
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