Andreas Niebur: Eine Geschichte dreier Raben
Es plätscherte, der Regen fiel sanft und gleichmäßig auf die alte aufgeschüttete Straße. Ein Schwall von Wasser ergoss sich auf das kleine mittelalterliche Städtchen Fengrund, dessen Wiesen und Felder schon seit Wochen vom immerwährenden Regen geplagt wurden. Ein paar Schatten huschten durch den Straßendschungel und suchten nach Wärme und Unterschlupf.
Das güldene Glänzen der Sonnenscheibe war schon seit einer Ewigkeit nur noch ein flüchtiger Traum, während der Arbeit oder beim alltäglichen Frühstück. Die Strohdächer der Häuser färbten sich goldgelb und ein eigenartiger Geruch machte sich in den Straßen breit, nach Dreck und Vieh. Das große marmorierte Steinhaus in der Mitte des Marktplatzes veränderte das Bild der Stadt, wandelte Armut in Reichtum und Schatten in Licht. Der Platzregen ergoss sich grausam und widerstandslos auf die hilflose Menschenmenge inmitten der Stadt, die versuchte ihre Waren feilzubieten.
Die Stadt bebte geradezu, als die Bürger die Wälle aufschütteten, die Bäume fällten und die Palisaden errichteten. Die Soldaten rüsteten sich, legten die blank polierten Schilde und Waffen an, zwängten sich in metallische Rüstungen, setzten ihre Helme auf und strotzen vor Kraft und Stärke.
In einem nahe liegenden Wald landeten drei Raben auf den Baumkronen und begannen zu jagen, wie sie es immer taten.
Die Männer schritten den Wehrgang entlang und begannen ein gottgefälliges Lied anzustimmen, während ihr Blick in der Gegend umherwanderte. Die Männer erkannten ein kleines, in Lumpen gehülltes, Mädchen von vielleicht sieben oder acht Sommern. Einige Tränen kullerten über ihr dreckiges und von der Pest befallenes Gesicht, ihr Magen schmerzte und ihr Gesicht zierte eine Hilflosigkeit, die jeden Menschen im Inneren zerbrach. Doch das Tor blieb zu, sie durften die Pest nicht hineinlassen, ES musste draußen bleiben. Das Kind kam an die Tore, es bibberte, weinte und brach an seinen unzähligen Schmerzen zusammen. Das hilflose Mädchen versuchte noch einmal die Palisade zu berühren - bevor es seine kleinen Augen schloss und starb.
In diesem Moment ging gerade ein kleiner Junge am großem, mit goldenen Ornamenten besetzten Steinhaus vorbei und fragte sich, wie viel Gold im Inneren sein möge und wie wenig hier draußen.
Jahre vergingen und die Rüstungen begannen zu zerfallen, die Schwerter brachen und die Felder verrotteten. Nur eines blieb beständig und immerwährend – der Regen.
Irgendwo am Horizont sah man einige Raben aufsteigen...
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