Tina Martik: Gedanken im Regen


Grosse Regentropfen prallen auf die Fensterscheiben auf, sie tun sich zusammen, bahnen sich ihren Weg zwischen den Staubpartikeln und rinnen in dünnen Bächlein die Scheibe herunter. Dann bilden sie kleine Pfütze auf dem Fenstersims, schnellen vorwärts, näher zum Rand, in geschwängerten Tropfen fallen sie tief und landen auf dem Gehsteig dicht neben der Hauswand.

Ähnlich fließen meine Gedanken dahin. Zuerst prallen sie auf, dann rieseln sie weiter, sie suchen den richtigen Weg, sie trommeln sich zusammen, zu einer großen, überwältigenden Idee, dann tropfen sie in einzelnen Worten selbstständig und anhaltend.

Meine Gedanken sind wie der Regen schwer, wie das Regenwetter trüb. Sie sind kalt wie der Februar und bleifarben wie der bedeckte Himmel. Sie sind verworren, ein starker Wind im Regen bringt alles durcheinander. Meine ganze Gedankenwelt ist ungeordnet. Sie sehnt sich nach Wärme, nach einem Regenbogen, der den gesamten Horizont mit seiner Umarmung tröstet. Meine Gedanken wollen kein Wasser sein, sie wollen zu heißen Sonnenstrahlen werden. Sie wollen grell leuchten, mit ihrer Kraft alle Blüten öffnen, mürrische Gesichter erstrahlen lassen, stumme Vögel zum Singen erwecken. Sie wollen die Welt fröhlich sehen.

Kann ich sie beeinflussen? Trägheit, Traurigkeit und Müdigkeit vertreiben? Schaffe ich es?

Ich schreibe die düsteren Gedanken auf und verbanne die traurigen aus meinem Kopf. Auf dem Papier sehen sie nicht derartig bedrohlich aus und wenn schon! Ein wenig Tipp-Ex, eine Schere oder ein Streichholz werden mir helfen, sie aus der Welt zu schaffen.

Alle bleiernen Gedanken reihen sich auf dem Papier nebeneinander auf, ein nach dem anderen, der eine will den anderen mit seiner Schwermütigkeit übertrumpfen. Sie fließen langsam, bedächtig, dann tropfen sie nur, alsbald werden sie eine Pfütze bilden. Ich lasse sie nicht zu einem abgrundtiefen Meer werden.

Mit einer Schere schneide ich eine Flut von Blumen und Herzen, so viele Sterne um den Himmel mit ihnen vollständig zu bedecken und eine goldene, glutheiße Sonne heraus. Ich nehme leuchtende Farben zur Hand, die fröhlichen – gelb, orange, rot und violett – und male alles aus. Ich male mir eine beschwingte Idee, eine glückliche Welt unter der glühenden Sonne. Diese Bilder wecken in mir ein heiteres Gefühl auf. Die Sonne berührt mit ihren langen, sanften Fingern mein Gesicht. Ein Windhauch spielt mit meinem Haar. Meine Wangen werden von den Liebkosungen der Sonne und den sanften, lauen Küsse des Windes rosig.

Das Werk ist fertig, es ist gelungen. Kälte und Dunkelheit sind vertrieben. Es wird mir warm, ich schaue die ausgeschnittene, gelb ausgemalte Sonne an und sie schickt ihre Strahlen durch meine Augen direkt in meinen Kopf. Dort wärmen und heizen sie. Sie trocknen den letzten nassen Gedanken aus. Mein Kopf verliert seine Traurigkeit, meine Seele erstrahlt, meine Gedanken erhellen sich.

Weitere Regentropfen prallen unaufhörlich auf die Fensterscheiben auf, das Wasser fließt in dünnen Bächlein die Scheibe herunter, ich nehme es nicht bewusst war.

Ich höre das Trommeln des Regens, aber ich erkenne einzig und allein einen Musikklang dahinter. Meine Gedanken sind voll Wärme und Sonne. Ich sehe die heller gewordenen Wolken am Himmel, die sich langsam verziehen und den ersten Sonnenstrahlen Platz machen. Ein Regenbogen erscheint, er umarmt die halbe Welt, wie gerne würde ich es ihm gleichtun!

(Copyright Tina Martik, E-Mail: tina_martik@yahoo.de)
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