Tina Martik: Die zählende Hand


Sie sah ihn an, den Mann, den sie vor langer Zeit geliebt hatte, dann ihr halbes Leben lang nicht einmal mehr mochte.

Jetzt bedauerte sie ihn, er lag da, die Augen starr auf die weiße Decke des Krankenhauszimmers gerichtet. Er bekam von seinem Umfeld nichts mit, aber sie war davon nicht vollkommen überzeugt. Sein Gesicht war eingefallen, die Wangenknochen traten hervor, als er den Kopf ein wenig zur Seite drehte, sah sie die frische Narbe, die sich wie eine Mondsichel oberhalb seines linken Ohrs ausbreitete. Er war erst vor kurzem am Kopf operiert worden, die Ärzte versuchten den Schaden zu mindern, der durch die Hirnblutung verursacht worden war. Die Operation misslang, man konnte die zwei Teile des beschädigten Gefäßes durch das Einbringen eines Silikonteils nicht zusammenfügen. Die Wände des Gefäßes waren unwiderruflich beschädigt. Man konnte nur den Bluterguss entfernen.

Es blieb nichts anderes als das Warten. Worauf eigentlich? Er würde aus seinem Wachkoma wahrscheinlich nie mehr erwachen. Er würde seine lichtlosen Augen auf sie richten, die sie anschauten, ohne sie wirklich wahrzunehmen.

Er magerte ab, war auf weniger als fünfzig Kilo geschrumpft. Früher hatte er fast zwei Zentner gewogen, er hatte einen dicken, hervorstehenden Bierbauch gehabt, der über dem Hosengurt hing. Seine Schultern waren breit, seinen Nacken und Hals konnte man kaum ausmachen, so dick war er. Sein Gesicht war stets rot gefärbt und aufgedunsen, seine pechschwarzen Haare fielen ihm wirr ins Gesicht, unter seinen Augen hingen schwere Säcke, die Augen waren rot geädert. Wie oft hatte sie ihn gesehen, als er nicht geradeaus lief und nur wirres Zeug redete, nach Zigarettenrauch und Alkohol stank. Dann schrie er herum und behauptete nur zwei, maximal drei Bier getrunken zu haben, nicht betrunken zu sein. Schließlich fiel er erschöpft auf dem Sofa im Wohnzimmer vor dem laufenden, laut schreienden Fernseher zusammen. Sein Arm hing bald vom Sofa herunter, er schnarchte, das Deckenlicht brannte. Hätte man das Licht zu löschen oder den Fernseher abzustellen versucht, so hätte er heftig protestiert, da er nicht schlafe!

Und jetzt lag er hier, machtlos, des eigenen Willens beraubt. Sein Kopf war kahl geschoren, das blasse Gesicht glich sich den weißen Bettbezügen an, unter seinen Augen befanden sich keine Säcke mehr und das Leben war aus ihnen entwichen. Er war dünn, nur die Hälfte von ihm lag nun im Bett. Seine linke Hand suchte die ihre, dabei zeigten seine Finger: eins, zwei, drei.

Sie verstand nicht, was er damit meinte. Drei? Was drei? Seine Hand ergriff die ihre, sie machte sich Hoffnungen, sprach beruhigend auf ihn ein, vielleicht konnte er sie hören, ihre Worte verstehen. Seine Hand blieb reglos in der ihren liegen. Mehr Lebenszeichen waren nicht zu erkennen.

Hat er eine Vorahnung, meint er noch drei Wochen im Wachkoma zu verharren oder will er in drei Monaten friedlich einschlafen? Was haben seine drei ausgestreckten Finger zu bedeuten? Sie fragte ihn oft, was er damit meine, Antwort bekam sie keine. Auch die behandelnden Ärzte gaben ihr keine befriedigende Auskunft auf ihre Fragen.

Abwarten. Sie machte sich Hoffnungen, schnitt Zeitungsartikel aus, die über ähnliche Fälle berichteten. Jemand erwachte nach sieben langen Jahren aus dem Wachkoma! Den Menschen hatte man doch schon lange aufgegeben. Und er kam doch zurück. An diese Fälle klammerte sie sich, ihre ganze Hoffnung setzte sie auf den Moment, da er an sie ein einziges Wort richten oder sie nur schwach anlächeln würde.

Jeden Tag kam sie ins Krankenhaus und saß stundenlang an seinem Bett, auf ein noch so kleines Lebenszeichen achtend.

Die Kinder begleiteten sie nie. Der Sohn hatte resolut gesagt, er komme nie mit, er wolle seinen Vater in einem derartigen Zustand nicht sehen. Warum? Hoffte er wie sie auf seine Genesung oder wollte er das Bild von einem gesunden, obwohl nicht dem besten und fürsorglichsten Vater behalten? Das war auch eine von den Fragen, auf die sie nie eine aufrichtige Antwort bekommen sollte.

Von der Tochter her gab es einen kleinen Hoffnungsschimmer, sie würde ihren Vater einmal besuchen. Andere Hoffnungen machte sie ihr nicht. Die Tochter sah als Einzige in der Familie die Zusammenhänge zwischen dem Unfall, der Hirnblutung, der misslungenen Operation und dem jetzigen Zustand sowie der Zukunft ihres Vaters. Es waren viele wertvolle Minuten vergangen, bis er auf dem Operationssaal gelegen war, jede Minute hatte einen unwiderruflichen Schaden bedeutet - Millionen toter Hirnzellen.

Unermüdlich versuchte sie ihrer Mutter die Lage zu erklären, sie auf das Schlimmste vorzubereiten. Die Mutter wollte nichts davon hören! Sie hoffte, ihn einmal nach Hause nehmen zu können. Irgendwann würde sie ihn im Rollstuhl durch den Garten ihres eigenen Hauses schieben, ihn aus seiner Starre durch ihren eigenen Willen und ihre Hartnäckigkeit herausholen. Nur nicht alleine bleiben, das war es, wovor sie die größte Angst hatte. Er darf mich nicht verlassen, egal wie behindert er bleibt, er muss nur am Leben bleiben.

Wochen und Monate vergingen, Sommer und Herbst waren vorbei, an seinem Zustand änderte sich nichts.

Sie war um Jahre gealtert, ging regelmäßig, mechanisch, zur Arbeit ins Büro, nach getaner Pflicht eilte sie ins Krankenhaus. Dort gab sie ihrem Mann eine Gemüsebrühe ein, die sie daheim selbst gekocht hatte. Mit der Zeit ging sie mit seiner Magensonde wie eine erfahrene Krankenschwester um. Bevor sie ihn am Abend verließ, wusch sie ihm gründlich das Gesicht, sprach ununterbrochen auf ihn ein, ließ einige Münzen in der Schublade seines Nachttischs zurück, damit man ihn am Morgen rasiere. Sie dachte an die Worte ihrer Tochter, aber sie wollte, dass er eine bessere Suppe als die aus der Krankenhausküche bekäme. Sie wollte auch sicher sein, dass man ihn rasieren würde.

Weihnachten nahte, der Schnee fiel und verhüllte den letzten Hoffnungsschimmer mit einer dicken Decke. Nichts änderte sich.

Daheim kam sie nicht zur Ruhe, sie erwartete einen erlösenden Anruf aus dem Krankenhaus. Er soll endlich erwachen! Sie konnte in der Nacht nicht schlafen, sie lag in ihrem Bett und spürte die Kälte, die aus seinem leeren Bett zu ihr herüberströmte, sie war am Ende mit ihrer Kraft.

Der Schnee taute langsam unter der stärker werdenden Sonne weg. Die ersten Frühlingsblumen zeigten ihre zarten Köpfchen, sie sah die Schneeglöckchen und Narzissen nicht, so wie sie das glückliche Vogelgezwitscher nicht hörte. Sie sah nur die zählende Hand und den Mann, der weit entfernt von allem Erwachen war.

Die Tochter ließ sich an einem strahlenden Frühlingstag zu einem kurzen Besuch überreden. Sie war blass, als sie die Krankenhausgänge entlanggingen. Ihre Mutter drehte sich nach ihr um und lächelte sie glücklich und ermutigend an. Nur langsam betrat die Tochter das Zimmer des Kranken und blieb an der Tür stehen. Mit einem forschenden, unruhigen Blick suchte sie die drei Betten nach ihrem Vater ab. Sie erkannte ihn nicht gleich, so sehr hatte ihn seine Krankheit verändert. Als sie ihn erblickte, wurde ihr schlecht, sie wollte das Zimmer augenblicklich verlassen.

Ihre Mutter zwang sie, näher ans Bett zu kommen, sie sprach zu dem Kranken und kündigte die Besucherin an. Die Mutter befand sich im Rausch, sie machte sich große Hoffnungen, die Anwesenheit der Tochter sollte ein Wunder bewirken.

Die Tochter wollte nur noch weg, weit weg sein, sie wollte flüchten, an die frische Frühlingsluft, zu den sprießenden Blumen, in die Sonne gehen. Näher ans Bett kommen, etwas erzählen solle sie, drängte die Mutter.

Warum war sie überhaupt hierher gekommen, warum blieb sie nicht stur wie ihr Bruder?! Die Mutter verlangte, dass sie die immerfort bis drei zählende Hand ergreife. Sie zögerte, sie ekelte sich vor der unbekannten Form der Hand, die sie früher oft geschlagen hatte, als ihr Besitzer unter Alkoholeinfluss stand. Diese fremde, doch verhasste Hand mit dünnen Fingern sollte sie jetzt liebevoll berühren. Sie tastete zögernd nach der Hand, nur ein paar Minuten, dann würde es vorbei sein, dann würde sie weggehen und nie wieder an diesem Bett stehen. Sie solle sich hinsetzen und etwas erzählen, er müsse ihre Stimme hören, meinte die überglückliche Mutter.

„Es hat doch keinen Sinn“, war alles, was die Tochter sagte, bevor sie das Zimmer überstürzt verließ.

Ein paar Tage später, an einem milden Abend kurz vor Ostern, saß sie in ihrer Wohnung weit von ihrer Mutter und ihrem Vater entfernt. Die Stille wurde durch das Schrillen des Telefons unterbrochen. Die Mutter war dran, sie weinte nicht, sie hatte keine Tränen mehr übrig, die waren während der langen Monate des Wartens ausgetrocknet.

Es war vorbei.

(Copyright Tina Martik, E-Mail: tina_martik@yahoo.de)
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