Tina Martik: Das Herz


Jeder kennt es, jeder hat es. Versteht aber jeder, wie es funktioniert, wie es denkt und handelt?
Hier ist die wahre Geschichte eines Herzens, die sein selbstständiges Handeln erklärt.

Ein kleines Herz wurde geboren. Es schlug einen Tag nach dem anderen vor sich hin, eine Nacht und die nächste und die übernächste auch. Es schlug immerfort.
Das kleine Herz dachte, das sei seine Aufgabe, dazu ist es zur Welt gekommen. Seine Vermutung wurde ihm bestätigt. Auch seine Brüder und Schwestern hatten in diesem Gefäss, das menschlicher Körper hiess, wie ihm das Hirn verriet, eine ganz spezielle Aufgabe.
Dann, als es grösser und kräftiger wurde, erfuhr es, dass es zwei Aufgaben im Leben hat. Zwei? Ich habe sogar zwei Aufgaben. Ist es eine Ehre für mich oder eine Strafe? Vernachlässige ich das Schlagen etwa? Ich lasse doch nie einen Schlag aus!
Nur verstand das Herz die zweite Aufgabe nicht ganz. Es sollte lieben! Aber was hiess es denn? Was bedeutete das Wort - lieben -, das angeblich von dem viel gebrauchten Wort - Liebe - abgeleitet wurde?
Eines Tages würde es den Sinn des Wortes kennen lernen und dann später selber erkennen, beteuerten die anderen Körperbewohner. Aber es habe nicht viel mit mechanischer Arbeit zu tun, hat der Magen gesagt. Er meinte, er habe auch ab und zu mit der Liebe eine zusätzliche Arbeit. Er müsse die Schmetterlinge hervorrufen und dann irgendwann wieder beruhigen und die ganze Zeit sich um sie kümmern. Es sei keine leichte Arbeit.
Das Herz war gespannt, was ihn da erwartete. Lies sich nicht aus der Ruhe bringen und schlug weiter.
Dann eines Tages zeigte sich ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Ein anderer Körper behauptete, den Körper in dem sich unser Herzheld befand, zu lieben. Aha, da ist nun das entscheidende Wort gefallen. Das Herz freute sich, tastete sich Schritt nach Schritt, besser gesagt Schlag auf Schlag, voran. Zuerst musste es den Sinn des Wortes - Liebe - erkunden, nach einer Weile kapierte es, was es hiess. Ein Wunder geschah!
Das Herz begann sich zu öffnen und schloss langsam den anderen Körper in sein Inneres. Das Herz liebte! Es war glücklich, es schaffte die zweite, ihm auferlegte Aufgabe und fand es gar nicht so schwer. Nach und nach äusserte und zeigte das Herz seine Gefühle, es war voll, ja übervoll von ihnen! Jetzt wenn es sie endlich gelernt hat und erkennen konnte, konnte sie auch selbst erzeugen.
Das Herz dachte nur noch an den Körper, der es in seinem Innersten trug. Es wiederholte in wärmsten Worten die Zuneigung, die es zu dem Körper hegte. Es war so glücklich und konnte nicht anders als oft, sehr oft, von seiner Liebe zu dem Körper zu erzählen. Es fragte auch immer öfter, ob seine Gefühle erwidert würden.
Und da passierte es!
Dem geliebten Körper wurde es zu viel. Der Körper mochte nicht in der innersten Ecke des Herzens versteckt bleiben. Er wollte raus, er wollte mehr Freiheit, er fühlte sich eingeengt. Es ging ihm alles zu schnell. Es war ihm alles zu viel und zu eng…
Das Herz war enttäuscht, es trauerte und weinte bittere Tränen.
Bald erholte es sich jedoch von dieser Enttäuschung. Es schlug weiter Tag für Tag und Nacht für Nacht.
Dann kam der nächste Körper. Das Herz lernte auch diesen kennen und nach der ersten Kennenlernenphase zu lieben. Bald danach hiess es, mehr Luft, es sei hier zu eng.
Und so verlief es immer und immer wieder, mit jedem Körper war es gleich. Das Herz zeigte seine Empfindungen und kurz danach wurden sie zum Boden zertrampt! Es war irritiert, wusste nicht mehr, was tun. Seines Wissens erfüllte es seine Aufgabe richtig, es liebte doch!
Das Schlagen ist doch so einfach, warum ist das Lieben so schwer? Es wurde immer von neuem enttäuscht und verletzt. Jede Verletzung hinterliess eine tiefe, klaffende Narbe auf seiner Oberfläche. Das Herz blutete. Es wusste nicht wie weiter.
Dann erinnerte es sich an die Zeit, als es die Bedeutung des Wortes - Liebe - noch nicht kannte. Es pochte weiter und schneller, nicht weil es sich wieder verliebt hatte, und einen neuen Körper in sein Inneres geschlossen hatte. Es poch schneller und erleichtert, da es sich entschied, nur an sich selbst zu denken, sich selbst zu sein.
Es würde nun weiter pumpen und im Gang bleiben, aber niemanden mehr in sein Inneres hineinlassen und riskieren eine neue Verletzung erleiden zu müssen.
Nach dieser anleuchtenden und weisen Entscheidung verschloss sich das Herz langsam allen und allem gegenüber. Seine Oberfläche wurde bald mit einer feinen Eisschicht überzogen. Am Anfang sah sie schön aus, wie die vom Frost bemalten Fensterscheiben eines hoch in den Bergen gelegenen Hauses im tiefsten, rauen Winter. Zarte Blumen und zerbrechliche Ornamente bildeten sich auf dem Herz. Man konnte mit einem warmen Atemhauch diese feine Eisschicht leicht entfernen. Das Herz wollte es nicht, es war stolz auf seine originelle Verzierung. Es wollte sich für keinen Körper und für nichts mehr erwärmen lassen. Bald waren die Eisblumen und Ornamente nicht mehr sichtbar. Ein warmer Atemhauch kam gegen die immer dickere Eisschicht nicht mehr an.
Das Herz schlug langsamer. Es merkte, etwas lief da falsch! Es war immer schwächer, dachte an sich und meinte alles richtig durchdacht und gemacht zu haben. Als die Kälte der Eisschicht ins Innere des Herzens durchdrang und sich dort einzunisten begann, erstarte das Herz. Doch erholte es sich noch einmal von dem Schrecken, vom Schrecken der Erkenntnis. Es hatte doch lieben gelernt, es war ein Gefühl, das ihn früher schneller schlagen liess!
Das Herz erkannte seinen Fehler, aber es war zu spät. Die eigene Zurückhaltung und die Abweisung der ihm geschenkten Liebe, machten ihn kalt, immer kälter, bis es endgültig erstarrte. Es war gehemmt, durch die eigene Kälte unbeweglich gemacht. Da es keinen einzigen Schritt mehr machen konnte, war es zu einem Eisblock gefroren.
Es war tot.

(Copyright Tina Martik, E-Mail: tina_martik@yahoo.de)
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