Tina Martik: Am Ende werden Sonnenblumen warten


Kann eine Frau noch mehr Enttäuschungen von einem Mann, von dem Mann, den sie über alles liebt, ertragen?
Ihr Herz zieht sich zusammen, ihre ganze Hoffnung hat sich verflüchtigt. Sie hat gehofft, ihn bald zu sehen und sich auszusprechen. Er ist in ihrer Nähe gewesen, hat auf sich absichtlich nicht aufmerksam gemacht. Sie hat es gespürt, sie hat es genau gewusst, dass er ihr nahe gewesen ist. Ihr Herz hat es erkannt und ihr zugeflüstert. Seine Bestätigung ist mit kühlen Worten aus seinen gefühlskalten Lippen später erfolgt. Nun schnürt sich ihre Kehle zusammen und ihre Augen brennen, sie muss ihre Tränen zurückhalten. Sie möchte ihre Wut herausschreien, sie will ihm die schlimmsten Namen geben! Sie schafft es nicht.
Ihren einzigen Trost findet sie in den leeren Zeilen, die auf dem schneeweißen Papier vor ihr warten, die sie Wort für Wort mit ihrem Kummer auffüllt. Wem sonst könnte sie sich jetzt, zurzeit ihres größten Schmerzes anvertrauen? Warum empfindet sie nur Gefühle für diesen Mann?
Als ihr schwer kranker Vater gestorben ist, hat sie keinen Schmerz gespürt. Als sie ihre Arbeit verloren hat, ist sie nicht so verzweifelt gewesen. Als sie ihre Heimatstadt verlassen hat, alle lieben Freunde und gute Bekannte links liegen gelassen hat, hat sie sich auf neue Gegend und neues, aufregendes Leben gefreut und ist nicht traurig gewesen. Als sie später das Leben, die ländliche Gegend und den Mann ihrer Träume verlassen hat, hat sie einen stechenden Schmerz wahrgenommen.
Jetzt ist der gleiche Schmerz wieder da. Sie wird den zweiten Mann ihres Lebens bald verlassen, den zweiten Mann, den sie in ihr Herz geschlossen hat. Für immer hat sie geglaubt. Das weiße Papier, dem sie ihre verzweifelten Worte anvertraut, kann nicht alle ihre Traurigkeit in sich aufnehmen. Es bleiben noch viele Worte unausgesprochen, Fragen unbeantwortet. Das weiße Papier bietet ihr nicht Trost genug, es kann sie nicht in die Arme nehmen und ihre Tränen trocknen.
Sie will sich lösen, sich lösen von der unerwiderten Liebe. Sie will nicht mehr leiden, sich Schmerzen zufügen lassen, sie will sich dagegen stemmen. Sie hat tagein und tagaus gehofft, ihre Zuversicht ist jede Woche und jeden Monat vorhanden gewesen. Es ist zu keiner Veränderung, zu keiner Besserung gekommen. Sie hat sich in Geduld und Zurückhaltung geübt. Alles vergeblich.
In der nächsten Zeit wird sie sich im Loslassen üben. Es wird viel Zeit benötigen, es wird wiederum wehtun, aber am Ende wird sie erleichtert und befreit sein. Sie wird auf ihn und seine Kälte verzichten. Sie muss es tun, für sich, um zur Ruhe zu kommen. Nichts ist schlimmer, als sich Hoffnungen machen, wo es keine Hoffnung gibt. Diese ernüchternde Wahrheit zu akzeptieren, ist das Schwierigste. Ist es getan, ist der Berg erklommen. Dann wird die steile Abfahrt in das Tal der Einsamkeit kommen. Sobald sie auf der Ebene ihren Halt finden wird, wird sie die strahlende Sonne wahrnehmen und beim Sonnenuntergang keine Angst vor einsamen Nächten verspüren, sondern Vorfreude auf einen neuen, hoffnungsvollen Tag empfinden.
Nun wird sie Schritt für Schritt ohne ein sicherndes Seil ohne eine hilfreiche Hand den Berg besteigen, nur ein Ziel vor ihren Augen: Die steile Fahrt abwärts und die Ebene mit den verheißungsvollen Strahlen der Sonne - eine dunkle Wolke hier und da, ein nieselndes Regen oder ein kurzes, schweres Gewitter werden sie von ihrem Ziel nicht abhalten - die Sonne wird ihr Kraft und Wärme geben, sie wird ihr Schutz bieten und genauso wird sie ihr Zuversicht und ein gutes Gelingen versprechen. Sollte die Sonne hinter den Wolken länger verschwinden, wird es am Boden genug kleiner Helfer geben - Sonnenblumen -, die ihr den richtigen Weg weisen werden. Sie wird ihnen folgen, bis sie zu ihrem Ziel gelangen wird.

(Copyright Tina Martik, E-Mail: tina_martik@yahoo.de)
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