Tina Martik: Blind heißt nicht gleich blöd


Simon ging schnell, als er die Schülerstimmen hörte, weiteten sich seine Augen. Es gibt Ärger, dachte er.
„Schaut euch den Blinden an. Mann, wir haben November, hast du nicht in deinen Kalender geschaut?“, sagte ein Halbstarker. Jemand lachte. Simon sagte zu der Stimme: „Meine Hirnzellen arbeiten so gut, dass sie genug Wärme für meinen ganzen Körper liefern. Du dagegen hast sicher eine Daunenjacke an, nicht wahr?“ Jemand kicherte.
Der Kalender verkündete November, das Thermometer zeigte acht Grad plus, aber Simon hatte nur ein kurzärmeliges T-Shirt, eine dünne Lederweste, eine Lewis-Jeans und Cowboystiefel an. Ihm war nicht kalt. In der rechten Hand trug er einen Blindenstock, der einen Griff hatte wie beim Spazierstock und an einem Stück war. Simon war voll blind und dieses Stückmetall begleitete ihn überall. Außenstehende dachten nie, er sehe gar nichts, weil sein Schritt schnell und sicher war. Den Eingang in ein Geschäft fand Simon auf Anhieb, da er sich an der dröhnenden Musik orientierte, die auf die Strasse drang oder er ortete die Eingangstür eines Gasthofs an den Gerüchen, die in der Luft schwebten. Seine braunen Augen waren stets in Bewegung, sobald er ein ungewöhnliches Geräusch hörte, weiteten sie sich.
Er wohnte in einer kleinen Wohnung in der Nähe des Blindenheims. In der Gegend gab es viele Schulen, ein Gymnasium, eine Musikschule. Die Jugendlichen verbrachten ihre Pausen auf der Treppe, die zur Tramstation führte und welche die Blinden rege benutzten. Es gab wiederholt Probleme mit diesen jungen Leuten. Simon störten sie wenig, er verteidigte sich erfolgreich. Für die älteren Bewohner des Blindenheims waren die jungen Leute aber ein Problem.
Manchmal machte es Simon Spaß, die Jungen aus dem Konzept zu bringen. Oft saßen die Schüler auf den Treppenstufen in ein Gespräch vertieft und achteten nicht darauf, ob jemand hinten ihnen die Treppe herunter kam. Simon hörte, dass sich vor ihm ein menschliches Hindernis befand. Dann machte er seine Schritte so leise, wie ihm das seine Stiefel erlaubten, sein Stock berührte die Stufen kaum noch. Als er die einzelnen Worte des Gesprächs verstand, wusste er, sie befanden sich direkt vor ihm. Sein Stock berührte unsanft etwas Weiches. Eine Schülerin sprang auf, die Papiertüte mit dem Proviant von McDonald fiel auf den Boden. Simon wusste, noch eine sitzt da und ein Becher mit ihrer Cola steht in der Nähe. Während er sagte: „Sorry, ich habe Sie nicht gesehen“, kippte sein Stock den Becher um. Eine weibliche Stimme schrie: „Mist, meine Hose!“ Simon entschuldigte sich nochmals und hoffte, diese zwei werden hier nie wieder sitzen.
Er befand sich auf dem Weg zur Tramhaltestelle, niemand mehr stand ihm im Weg und pöbelte ihn an. Als er die letzte Treppenstufe erreichte, drosselte er seinen Gang. Hier standen oft einige Velos herum, mit dem Stock spürte er das erste. Unauffällig machte er eine unvorsichtige Bewegung mit dem Stock, der verkeilte sich zwischen den metallenen Teilen. Simon befreite ihn mit einem Ruck und die Velos kippten ein nach dem anderen wie Dominosteine um. Er schüttelte den Kopf und im Vorbeigehen tippte er auf das Hinterrad jedes hingefallenen Velos, dabei zählte er sie zusammen. Es waren fünfzehn!
Eine Frau, die auf der Tramhaltestelle wartete, eilte Simon zur Hilfe. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen die Velos aufzustellen“, sagte sie freundlich. „Nein, danke. Ich habe nicht vor, sie aufzustellen. Sehen Sie das Schild da?“ Tatsächlich! Velos abzustellen nicht erlaubt. „Sie haben Recht“, meinte die Frau und entfernte sich.
Am Abend legte Simon in einem kleinen Club CDs auf. Der Club füllte sich langsam mit jungen Leuten. Simon bereitete seine CDs vor, er spielte sie auf einem Discman ab, dann merkte er sich die Position des Songs, den er seinen Gästen abspielen wollte und legte die CD in den CD-Wechsel-Spieler. Er mochte die Musik von früher: AC/DC, Genesis, Queen, ihre Songs spielte er auch gerne auf seinem Keyboard.
Es lief gut, die Leute waren ausgelassen, sie tanzten, lachten und hatten ausgefallene Musikwünsche. Ihre Wünsche erfüllte Simon leicht.
Dann kündigte er eine Pause an und freute sich auf seine Zigarette. Da hörte er ein Klappern, das sich ihm näherte. Eine Tussi kommt, meine Pause wird kürzer ausfallen. Sie kam zu ihm. Ihre Armbänder klimperten, oder waren es Ohrringe? „Hallo DJ“, sagte sie. „Hallo, was kann ich für dich tun, Hübsche?“ fragte Simon. Sie kicherte. „Du bist nicht voll blind, oder?“ fragte sie. „Doch bin ich“, antwortete er. „Aber wie findest du die richtige CD und das richtige Stück?“, fragte sie. „Sagt dir etwas der Begriff Braille?“ „Nein.“ Das dachte ich mir, schoss ihm durch den Kopf. „Aber von der Blindenschrift hast du schon gehört?“ fragte er. „Ja, aber noch nicht gesehen.“ Sie kicherte. Simon gab ihr eine CD-Hülle in die Hand, berührte dabei ihre Finger. „Da, kannst du es sehen und spüren?“ fragte er. „Wie herzig!“, rief sie. Herzig!? Eine dumme Tussi! „Und wenn ich nicht blind wäre, dann könnte ich dir sagen, dass du gleich groß wie ich bist. Nein, das stimmt nicht, du hast Schuhe mit Absätzen an. Deine langen Fingernägel und den glitzernden Schmuck hätte ich auch gesehen“. Sie kicherte, kapierte nichts. Warum treffe ich nur solche Frauen?
Simon rauchte seine Zigarette. Maria, seine Nachbarin, fand ihn draußen. Er rauchte im Freien, gleich, ob drinnen ein Rauchverbot herrschte oder nicht. „Tolle Musik hast du gewählt, wie immer!“ „Hallo Maria, schön dass du gekommen bist“, Freude schwang in seiner Stimme mit. „Ich habe dir eine Cola von der Bar mitgebracht“, sie drückte ihm eine Flasche in die Hand. „Danke, ich bin schon am Verdursten“, sagte er.
Sie weiß immer, was ich brauche. Schade, dass sie über vierzig ist. Er könnte sich eine Frau wie Maria als seine Freundin vorstellen, aber er war erst ein Vierteljahrhundert alt. „Simon, vergiss nicht, dass wir morgen bei Hans eingeladen sind“, erinnerte sie ihn. „Keine Sorge“.
Hans feierte seinen siebzigsten Geburtstag. Der Mann war betagt und klapperig, aber er konnte noch gut in die Tasten hauen. Also spielte Simon gemeinsam mit ihm einige Lieder, das machte den alten Mann glücklich. Sein Gesicht strahlte vor Freude, leider blieben seine vom Grauen Star gekennzeichneten Augen ohne Licht.
Da Hans keinen Balkon besaß, ging Simon auf die Strasse, um eine Zigarette zu rauchen. Er stand vor dem Blindenheimeingang, sein Blindenstock baumelte an seinem linken Unterarm. Er zündete sich seine Zigarette an, prüfte mit dem Rücken der linken Hand, ob sie richtig brannte und spürte ihre Wärme deutlich. Da hörte er einen Wagen, der sich schnell näherte. Als das Auto auf seiner Höhe war, quietschten die Bremsen und das Auto kam abrupt zum Stehen. Simon blieb ruhig, seine Augen waren weit offen, er wartete.
Eine Autotür ging auf. „Guten Abend“, grüsste eine männliche Stimme. Simon erwiderte den Gruß. „Haben sie etwas Ungewöhnliches gesehen?“, fragte der Mann. Simon zeigte auf die Tafel, wo in großen Buchstaben „Blindenheim“ stand und sagte: „Sie meinen gehört?“ „Ja, natürlich. Wir sind von der Polizei, in der Nachbarschaft ist eine Wohnung ausgeräumt worden. Die Einbrecher wurden bei der Tat ertappt und müssten hier vorbeigelaufen sein.“ „Dann ist es wohl passiert, bevor ich herauskam“, antwortete Simon seelenruhig. Die Polizisten bedankten sich und fuhren weg. Haben sie etwas gesehen? Mit dem Blindenstock in der Hand! Er konnte es nicht glauben. Simon rauchte und dachte nach. Viele Leute erschienen ihm im Kopf, Blinde und Sehbehinderte, aber auch die anderen. Simon fasste einen beruhigenden Gedanken auf, gut, dass blind nicht gleich blöd heißt.

(Copyright Tina Martik, E-Mail: tina_martik@yahoo.de)
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