Maren Schönfeld: Gedanken einer Wartenden
Er hat mich vergessen. Hat er? Hoffentlich ist ihm nichts passiert. Eine enge Kurve und seine Eigenart, während der Fahrt im Handschuhfach zu kramen, weil ihn plötzlich Lust auf ein Bonbon überkommt. Eine Kurve, ein Baum. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, gegen einen einzelnen Baum zu prallen? Polizei, Feuerwehr, Krankenwagen. Ich erführe nichts, wenn er sich nicht selbst melden könnte. Sterben könnte er, ohne dass ich etwas erführe. Ich könnte den Rest meines Lebens auf ihn warten.
Er kommt nicht mehr. Mich los zu werden, ist einfach. Es reicht, wenn er mich vergisst. Er kann sich darauf verlassen, dass ich nicht anrufe. Oder er legt sich einfach eine andere Handynummer zu. Das muss er nicht. Ich will niemanden, der nicht freiwillig bei mir ist. Er hat nichts zu befürchten. Es ist ebenso sang- und klanglos vorbei, wie es begonnen hat.
Eine Begegnung im Café, ein Mann mit geordnetem Leben, eine Frau, die sich treiben lässt. Er weiß viel von ihr, doch sie kaum etwas von ihm. Sie treffen sich bei ihr, er wohnt in einer anderen Stadt. Irgendwann kommt er nicht zu dem verabredeten Treffen. Ein amerikanischer Liebesfilm, und doch ist es keine Fiktion. Das Leben kann kitschiger sein.
Seit einer Stunde warte ich auf ihn. Wann geht die Frau im Film? Wie verlässt sie den Schauplatz? Geht sie hoch erhobenen Hauptes, mit gleichgültiger Miene, oder in Tränen aufgelöst?
Mir ist nicht zum Heulen. Ich habe es ja gewusst, vom ersten Tag an.
Wie schön der Himmel aussieht. Die Sonne ist hinter den Häusern verschwunden. Kaum noch ein Mensch auf der Straße.
Der Text stammt aus dem Buch: Leib & Lieb: Märchen Frauen Memoiren
(Copyright Maren Schönfeld,
maren@zeitform-kunstbuero.de)
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