Maren Schönfeld: Zersplittert


Nun wollte er unbedingt diese Flaschenpost ins Meer werfen, obwohl wir seit Stunden die felsige Steilküsten entlang fuhren und einem der gesunde Menschenverstand sagte, dass eine Flasche sofort auf den Klippen zerschellen musste. Aber mit Verstand war diesem Menschen ohnehin nicht beizukommen, und nicht zum ersten Mal fragte ich mich an diesem sonnigen, aber stürmischen Vormittag, was in aller Welt mich veranlasst hatte, mich auf diese Reise einzulassen. Nichts schien mir weiter entfernt als die unendlichen Gespräche über Literatur und die wortlose Verständnisinnigkeit, die mich noch zwei Wochen zuvor mit ihm verbunden hatten.

Kaum in den Niederlanden angekommen, sprach er nur noch Englisch mit mir. Niemand solle merken, dass wir Deutsche waren, wegen des Krieges und so. Am Ende hielte man uns noch für Nazis.
Oder für Spinner, entgegnete ich, wenn man an unserem schlechten Englisch merkt, dass wir uns ein neues Image zugelegt haben.
Er schwieg verstimmt und fragte in der Zimmervermittlung auf Englisch nach einer Unterkunft. Nichts war ihm preiswert genug, und selbst ein Quartier für zwanzig Euro, das die schon leicht angestrengt wirkende Dame schließlich anbot, entlockte ihm den in klarem Hochdeutsch vorgebrachten Ausruf „Frechheit!“.

Die Zimmerwirtin führte uns oben unter das Dach. Die Kammer war aufgeheizt von der Mittagshitze und das Öffnen des kleinen Fensters versprach kaum Abkühlung. Er sprach Englisch, die Wirtin und ich Deutsch, und als wir allein waren, warf er mir vor, ihm in den Rücken gefallen zu sein.

Wir verließen das kleine Zimmer mit Waschbecken in der Ecke, um ein Restaurant für das Abendessen zu finden. Er ließ nicht locker, bis er alle Käsebrotpreise der zu Fuß erreichbaren Lokale gelistet und miteinander verglichen hatte. Da das günstigste Etablissement ihm atmosphärisch nicht zusagte, ließ er sich zähneknirschend auf das nächst teurere ein, bestellte aber zur Strafe kein Getränk. Dass ich nach dem langen Fußmarsch durch die Restaurantlandschaft in der prallen Sonne eine Käseplatte nebst einem Viertel Wein bestellte, trug mir einen missbilligen Blick ein.

Weder an diesem Abend noch an einem der folgenden Tage konnten wir unsere heimisch-literarische Wohlfühlatmosphäre herstellen. Keine Spur von stundenlangen Cafénachmittagen zwischen Bücherbergen, kein Ansatz einer Diskussion über die aktuelle Literaturkritik, nicht einmal eine gemeinsame Besichtigung. Er weigerte sich, irgendwo Eintrittsgelder zu zahlen, und was ich sehen wollte, gab es nicht gratis. So stritten wir uns oder unternahmen getrennt etwas. Schließlich war ich froh um jede Minute, die ich allein verbringen durfte, auch wenn ich mir abends seine in triumphierendem Tonfall vorgetragenen Erlebnisse, für die er kein Geld gebraucht hatte, anhören musste.

Und nun die Flaschenpost. Wir hatten alle Gepäckstücke bei uns und waren auf dem Weg zur nächsten Reise-Etappe. Seit einer Viertelstunde lag er mir in den Ohren. Ich solle endlich anhalten, damit er die Flaschenpost auf die Reise bringen könne. Schließlich fand ich eine Stelle nahe dem Ufer und hielt an. Er stieg aus und erklomm feierlich die kleine Anhöhe. Auch ich stieg aus, öffnete leise den Kofferraum und stellte seinen Rucksack neben den Wagen. Der auflandige Sturm verhinderte, dass er, andächtig den Blick aufs Meer gerichtet, die Flaschenpost noch in der Hand, das Schließen der Kofferraumklappe und gleich darauf das Klappen der Fahrertür hörte. Ich ließ den Motor an und wartete, bis ich das Geräusch der zerspringenden Flasche hörte. Dann schloss ich die Seitenscheibe und gab Gas.

(Copyright Maren Schönfeld, maren@zeitform-kunstbuero.de
Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe ist nicht erlaubt)


Maren Schönfeld
Selber schreiben
SchreiberInnen A-L
SchreiberInnen M-Z

Selber schreiben von lettern.de