Judith Kyselo: Ameisenkriegerin
Du bist neugierig, wer oder was eine Ameisenkriegerin ist? Vorweg genommen - das ist eine "Erfindung" von mir.
Der Begriff Schmetterlinge oder Flugzeuge im Bauch ist ja bekannt. Nun, ich nenne es Ameisen. Irgendwer oder irgendwas muss doch im Bauch kribbeln. Aber warum hört das Kribbeln irgendwann auf? Und warum kribbelt es urplötzlich bei Menschen, die man schon seit Ewigkeiten kennt? Ich habe mir meine eigenen Gedanken gemacht...
Ameisen sind klitzeklein. Ameisen werden geboren, wenn du nichts ahnend in die Augen von Menschen schaust. Ameisen sprechen nicht, sie sind stumm, doch sie können ein Herz zum Singen bringen, wenn man sie lässt. Es sind viele kleine Ameisen, die ihr Nest in einem Menschenbauch haben. Geschäftig eilen sie, auf der Suche nach ihrer Königin und dem Ameisenkrieger hin und her, denn ohne ihre Königin sind sie schwach und machtlos und ohne ihre Krieger würde das Nest für immer zerstört werden können.
Der Mensch, in dessen Bauch die Ameisen ihr Nest gebaut haben, hilft ihnen unmerklich bei ihrer Suche. Ein Ameisenkrieger zu sein, bedeutet eine große Verantwortung auf sich zu nehmen, denn das Leben dieser ganz speziellen Gattung der Ameisen ist ganz der Liebe gewidmet. Schwert schwingend verteidigen diese Krieger ihr Zuhause, beschreiten mutig neue Wege im Labyrinth der Liebe, und sind bereit jederzeit ihr Leben für das Kribbeln im Bauch einzusetzen.
Wie unsagbar schwer die Aufgabe des Ameisenkriegers sein kann, kannst du in vielen Büchern, die über den Liebeskummer der Menschen berichten, nachlesen. Der Menschen, zwar groß und mächtig, ist hilflos, wenn alle Ameisen in Bauch krabbeln. Der Bauch entwickelt sein Eigenleben und gaukelt dem Menschen eine rosarote Welt vor, der Verstand scheint ab und an auszusetzen. Doch der Kampf des Ameisenkriegers ist leise und unmerklich. Wenn das Menschenherz noch singt und der Puls steigt, ist er es, der versteckt und in sicherer Entfernung das Geschehen beobachtet, um dann, im rechten Augenblick, seinen ganz speziellen Pfeil abzuschießen. Dieser Pfeil hinterlässt Spuren im Denken der Menschen. Manchmal meint der Mensch, der von einem dieser Pfeile getroffen wurde, am Liebesschmerz sterben zu wollen und sein Gang wird vorübergehend apathisch und kraftlos, seine Haut fahl und die Haare stumpf.
Erst viel später, wenn das rosarote Licht der Verliebtheit verschwunden ist, das geheime Elixier des Pfeils zu wirken beginnt, erkennt der Mensch, wie wertvoll dieser Ameisenkrieger für ihn war, denn er bietet dem Menschen eine nie da gewesene Chance für seine ureigenste Weiterentwicklung. Durch das Elixier wird der Mensch in die Lage versetzt, objektiv zu erkennen was er braucht und was ihn hemmt, was gut und was schlecht für ihn ist. Immer dann, wenn der Mensch seine eigenen Gefühle, sein Denken und Handeln hinterfragt, wird durch ihn unwissend ein lautloses Signal zurück in das Ameisennest in seinen Bauch gesendet. Dieses Signal ist das Manna der Ameisenkönigin, macht sie stark und manchmal sogar auch unsterblich.
Ameisenkrieger leben jedoch auch sehr gefährlich. Auf ihren Wegen, müssen sie so manches Hindernis überwinden, werden sie durch die Taten der Menschen unbemerkt zertreten. Der Schrei der sterbenden Ameisenkrieger erschüttert das Nest im Bauch des Menschen und ein heilloses Durcheinander beginnt. Ängstlich irren tausend Ameisen auf der Suche nach ihrer Königin durch den Bauch, um sich schützend über sie zu werfen. Wenn die Ameisenkönigin schwach und ohne Nahrung ist, kommt es vor, dass sie unter den Massen des Ameisenvolkes kläglich stirbt. Und mit ihr stirbt auch das Kribbeln im Bauch. Aber immer überlebt ein einzelner Ameisenkrieger das Inferno des Todes. Es ist der Ameisenkrieger, der aus sicherer Entfernung, in einer Rüstung aus Hoffnung, sich den Glauben an die Liebe bewahrt hat. Dieser Ameisenkrieger weiß es nicht, doch auch er ist unsterblich. Und so sitzt er Tag ein und Tag aus, versteckt die Augen des Menschen beobachtend, bereit jederzeit sein Ziel zu treffen.
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Eingezwängt in ihre Rüstung, den Speer griffbereit neben sich liegend, beobachtete die kleine Ameisenkriegerin lustlos die Augen der Menschen. Ihr Volk war tot, ihre Königin erdrückt von abertausend Gefolgsleuten. Die Schreie der sterbenden Königin, sie hörte sie genauso deutlich, wie am Tag des Grauen. Ihre Fühler zitterten in Erinnerung der vielen sterbenden Körper. Alle waren tot. Zertreten, erdrückt oder erstickt. Und sie, sie durfte nicht einschreiten, musste sich damals, in ihrer Rüstung aus Hoffnung und Glauben an die Liebe, mit bangem Herzen vor dem Inferno verstecken. Wo war da Gerechtigkeit, warum musste ausgerechnet sie überleben? Warum nicht ihr jüngster Bruder oder einer ihrer Onkel? Verlassen und einsam, so kam sie sich vor.
Ja sicher, sie kannte ihre Aufgabe, ihren Grund des Überlebens, aber würde sie in ihrem Ameisenleben jemals dieses Gefühl in den Augen zweier Menschen entdecken? In ihren Gedanken nannte sie es ein Band, denn sie empfand diese Verbindung zwischen zwei Menschen als ein unsichtbares, breites Band. Und sie wusste, aus den Erzählungen der alten Ameisengeneration, dass dieses Band sehr selten war. Die Menschen, die dieses Band miteinander verbindet, können sich verständigen ohne zu reden, fühlen ohne zu berühren und trugen etwas in sich, dass sie Vorahnung nannten. Seufzend lehnte sich die Ameisenkriegerin an den Felsen zurück und hing ihren Gedanken nach. Sie wusste, dass jeder Mensch sich Zeit seines Lebens nach diesem Band sehnte und dass diese Sehnsucht sehr stark sein Denken und Handeln beeinflusste.
Und dann gab es noch die Kugeln. Zwei Kugeln, die, wenn das Herz der Menschen frei war, aus diesem Band entstehen konnten. Diese beiden Kugeln verkörperten die physische, die emotionale, die geistige und die spirituelle Anziehung der beiden Menschen. Ein sehr guter Ameisenkrieger wachte auch über den Gleichklang dieser Kugeln. Es war wichtig, dass diese Kugeln sich nicht nur verschmelzen, sondern sich auch wieder lösen können, eigenständig zu sein, um sich irgendwann später wieder wie ein Magnet anzuziehen und erneut zu verschmelzen. War es das, was die Menschen wahre Liebe nannten?
Ein Lächeln überzog das Ameisengesicht und sie fühlte sich wichtig und stolz.
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Mit den Fühlern in der Luft herumfuchtelnd sprang die Ameisenkriegerin von Versteck zu Versteck und übte den Ernstfall. Wenig später ließ sie sich erschöpft auf einem Baumstumpf nieder und versuchte ihr pochendes Herz nicht zu beachten. Nachdenklich betrachtete sie sich in einem Spiegel aus Tautropfen und eine kleine Träne stahl sich aus ihren Äuglein. Zeit heilt Wunden heißt es, galt das auch für Ameisen? Die kleine Ameisenkriegerin vermisste ihre zahlreichen Verwandten, Bekannten und Freunde. Doch woran hängt das Herz einer Ameisenkriegerin am meisten? An dem, was an Hoffnungen und Wünschen im Laufe ihres kurzen Ameisenlebens zusammengetragen wurde? Oder an Wertvorstellungen, gesät durch tausend ihrer Vorfahren?
Gar kuriose Gedanken durchflogen kometenhaft ihr kleines Ameisenhirn und hinterließen unsichtbare neue Denkstrukturen. Eine Art Denken, stellte sie erschreckt fest, wie sie nur einer Ameisenkönigin zustand. Die sanften Sonnenstrahlen streichelten ihre Ameisenfühler beruhigend, doch die Gedanken machten sich selbstständig. Warum bedarf es immer erst der größten Not, ehe ein Mensch der Gewalt, z. B. des Liebeskummer, die auf ihn einwirkt, seine eigene Gewalt, der des Handelns entgegensetzt? Der Mensch musste etwas tun, dass ihm unsagbar wehtat, etwas das sein Bauch nie gutheißen würde. Und diese Gewalt des Handelns war viel schmerzhafter als die der erlittenen Gewalt, des Verlassenwerdens zum Beispiel. Würde es für jeden Menschen in solcher Not diesen gewaltigen Donnerschlag, die alles reinigende Gewitternacht, in der Enge des Denkens geben? Warum verspüren die Menschen nicht früher den Zwang des Handelns in sich und unterwerfen sich ihm freiwillig?? Freiwillig, der Wille zum Freisein, frei für was? Für sich? Wenn der Mensch nun aber FREIwillig sich dieser Art der Gewalt unterwirft, rettet er nicht dadurch auch sein höchstes Gut, die Freiheit des eigenen Ichs? Ist es das, was den Menschen ausmacht und ihn vorwärts bringt?
Ihren müden Kopf auf die angewinkelten Vorderbeine stützend, schaute die kleine Ameisenkriegerin sehnsuchtsvoll in die Weite des Horizonts. Ist die so genannte Freiheit der Menschen nur eine durch den Verstand gebändigte Unfreiheit? Kommt es also dann nur darauf an, dass man den von außen einwirkenden Kräften, hurtig ein Schnippchen schlägt und sich ihnen möglichst schnell freiwillig unterwirft und mit der Unterwerfung unfreiwillig frei wird in seinen Entscheidungen? Gedeiht demnach die Freiheit der Liebe nur dort, wo ein einsamer Ameisenkrieger Tag ein und Tag aus, versteckt die Augen des Menschen beobachtet, um unbemerkt dem Menschen Kraft für seinen Kampf zu geben?
*
Viele Sommer- und Winternächte waren vergangen. An die ersten Tage und Nächte erinnerte sich die Ameisenkriegerin voller Grauen, denn die Zeit schien sich in klebrigen Leim verwandelt zu haben. So manches Mal hatte ihr Negativdenken sie umklammert und ihr die Luft zum Atmen genommen. Es gab Momente, da lag sie stundenlang untätig auf dem Rücken und blickte schwermütig den ziehenden Wolken nach, wünschte sich nichts sehnlicher, als eine unwissende kleine Waldmeise zu sein, die planlos mit den Wolken am Himmel in unbekannte Fernen zieht oder unter saftigen Grashalmen Verstecken mit ihren namenlosen Kameraden spielt.
Resignierend schloss die Ameisenkriegerin ihre Augen und fühlte ihr kleines Herz unruhig pochen. Ihre Fühler zuckten unruhig hin und her. Gedankenlos griff die kleine Ameisenkriegerin nach einem klaren Tautropfen. Was sie sah erschreckte sie, denn um ihre einst so wachsamen Äuglein hatten sich dunkle Schatten gebildet. Nein, so konnte und so durfte es nicht weitergehen.
Schnell atmete die tief ein und füllte jeden Winkel ihrer Ameisenlunge mit dem belebenden Gas, verscheuchte all ihre negativen Gedanken und zwang sich zum Lächeln. Hatte nicht ihre Ameisenururoma gesagt, dass sie das Leben leben wird, das sie sich denkt?
Je länger die Ameisenkriegerin auf ihren Einsatz wartete, desto intensiver dachte sie über sich und die Menschen nach. In ihrer Phantasie verglich sie das Leben der Menschen mit einem großen Berg, durchsetzt von zig verschlungenen Gängen, großen und kleinen Höhlen. Die größte dieser Höhlen nennt der Mensch sein Ziel. Die Gänge, Labyrinthe der Liebe, der Trauer, der Hoffnung oder des Schmerzes, bestehen aus Zeit. Es gibt breite, wundersam ausgetretene Wege, die bequem sind. Die Menschen, so wusste die Ameisenkriegerin aus den Erzählungen ihrer Vorahnen, sind allzeit bereit diese bequemen Wege zu gehen. Aber im Berg des Lebens gibt es auch Sackgassen, Einbahnstraßen, Kreuzungen und Weggabelungen. Es kommt vor, dass mächtige Gesteinsbrocken ein Voranschreiten verhindern, Wege morastig sind oder steil bergauf führen, um dann überraschend, achterbahnähnlich, in ungewisse Tiefen zu führen. Viele der Menschen sind verzweifelt, wenn sie solch ein Tief erreicht haben. Sie wagen es nicht, ihre Augen geradeaus zu richten, sondern starren wie hypnotisiert in die Tiefe, sind gelähmt und brechen in Wehklagen aus. Die Tränen dieser Menschen sind die nie versiegenden Quellen der unterirdischen Flüsse und Wasserfälle in diesem Berg. Andere Menschen verzehren sich in unheilvoller Sehnsucht danach, mit den Milliarden funkelnder Wassertropfen einfach nur weit weg zufliegen. Doch all diesen Menschen ist eins gemeinsam: sie geben sich und ihr Ziel auf, versinken im Schlaf der Erinnerung, des Verdrängens oder der Resignation. Einsam und allein in ihren Träumen verhungern diese Menschen im Labyrinth der Zeit.
Aber es gibt auch die Mutigen, die Kraftvollen. Die Menschen, die stets und überall das Positive sehen. Gesteinsbrocken? Tiefe Wasserfälle? Scheinbar unüberwindbare Schluchten? Das sind für sie Herausforderungen: an den Berg, an die Zeit, an das Leben. Erschöpft vom langen Wandern müssen sich auch diese Menschen ausruhen. Doch in der Ruhe finden sie Stärke und Kraft zum Handeln, räumen mit Schweiß und Mühe die versperrten Wege frei oder stürzen sich, tief Luft holend, wagemutig in die Fluten.
Und genau diese Menschen sind es, die das Gefühl des "Ankommens", des "eins sein mit sich selbst" verspüren und ihren inneren Frieden gefunden haben.
Die Äuglein fest zusammenkneifend wünschte sich die Ameisenkriegerin ganz fest, dass doch die Menschenkinder, die den Schmerz des Liebeskummers erfahren haben, über den Berg des Lebens und sein Labyrinth nachdenken.
(Copyright Judith Kyselo,
Ameisenkriegerin@aol.com)
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