Georg Klinkhammer: Bei Anruf Frust
Ob Sie nun ein Telefon haben möchten,
einen Kabelanschluss, oder irgend etwas funktioniert mit dem Internet oder
Ihrem Computer nicht, einmal erwischt es auch Sie, liebe Leser. Wenn es
nicht schon passiert ist. Die Methoden, den armen Hilfebedürftigen in den
Wahnsinn zu treiben, sind vielfältig und listenreich. Darin sind wir
Deutschen im weltweiten Vergleich Spitze. Der Spruch: 'Vorsicht, Kunde
droht mit Auftrag' kann nur von leidgeprüften Deutsch sprechenden
Endverbrauchern (=Verbraucher ist am Ende) erfunden worden sein. Wer
jemals eine so genannte Service-Rufnummer wählen durfte oder musste, kann
ein Lied davon singen. Ich möchte diesem Lied nun eine Strophe hinzufügen,
wenn Sie mir das gestatten.
Ich sitze also eines Morgens vor dem Computer und möchte ins Internet.
Schnell auf den Browser geklickt und nichts. Dieser hat die Dreistigkeit,
mir zu sagen, dass er die betreffende Seite im Internet nicht finden kann.
Die werden doch nicht pleite gemacht haben? Aber nein, es ist ja meine
eigene Webseite, die ich angezeigt haben möchte, und ich weiß mit
Sicherheit, dass ich noch flüssig bin. Also noch mal versucht. Wieder
nichts. Es beunruhigt mich noch nicht wirklich, denn ich bin ja vom Fach.
Ich stelle mir in solchen Momenten nur manchmal die Leute vor, die einen
PC gerade mal ein- und ausschalten können.
Ich beginne also, den Fehler einzukreisen. Könnte ja am eigenen Computer
liegen. Schnell habe ich das Problem entdeckt, nur liegt es außerhalb
meiner Wohnung, beim Dienstanbieter, der so freundlich war, mir den Zugang
zum Internet für läppische 29,90 Euro im Monat zu gestatten. Für einen
solchen Fall war der 'Internet-zur-Verfügung-Steller' sogar so nett, eine
Service- Rufnummer im Vertrag zu hinterlassen. Das Einzige, was mir in dem
Moment, wo ich die Telefonnummer wähle etwas aufstößt, ist die Tatsache,
dass die Minute 12 Cent kosten soll. Da kommt der in Vertragstexten
Ungeübte nicht immer sofort drauf. Kleiner Tipp, wenn Sie irgendwo ein
Sternchen hinter einer vollmundigen Werbe- oder sonstigen Botschaft sehen,
bedeutet das, dass es einen Haken im Kleingedruckten gibt. Also immer
gleich lesen. In meinem Fall bestand der Pferdefuss eben darin, für meinen
Hilferuf Geld zahlen zu müssen.
Stellen Sie sich vor, Sie gingen in den Supermarkt einkaufen und müssten
am Eingang erst einmal Eintritt bezahlen. Sie wollen hier kaufen? Aber
gerne, 1,50 Euro bitte. Oder Ihre Waschmaschine geht innerhalb der
Garantiezeit kaputt. Kein Problem, rufen Sie unseren Service innerhalb der
gesetzlichen Ladenöffnungszeiten für nur 1,98 Euro pro Minute an. Wer
jemals in den Staaten gelebt hat weiß, dass es auch anders geht. Wie auch
immer, ich wähle also die so genannte Hotline an. Früher war diese Hotline
oft eine Besetztline und man wählte wieder und wieder, bis man durch kam.
Das ist heute anders. Kaum das Freizeichen vernommen, haut mir der
Service-Anbieter Musik auf die Ohren, unterlegt mit einem 'Herzlich-willkommen'-Spruch.
So manches Mal in der Vergangenheit hat man mich an dieser Stelle mit dem
Hinweis: 'Bitte warten Sie. Alle Plätze sind zur Zeit besetzt.' verhungern
lassen. In diesem Fall nicht. Die Computerdame am anderen Ende der Leitung
fordert mich auf, eine Taste auf meinem Telefon zu drücken. 'Betätigen Sie
die 1, wenn es sich bei Ihrem Anruf um eine Bestellung handelt, die 2,
wenn Sie Informationen zu unseren Produkten wünschen, die 3....'. Die
Nummer 6 ist dann endlich für Störungen zu wählen. Zwei endlos lange
Minuten (24 Ct) sind schon vergangen und meine Geduld auf eine erste Probe
gestellt. Ich drücke also die 6, was unmittelbar mit der Ansage quittiert
wird: 'Wenn es sich um eine Störung Ihres Telefons handelt, betätigen Sie
bitte die 1, wenn es ein Problem mit Ihrem Kabelanschluss ist, wählen Sie
bitte die 2, wenn ...'. Auch hier ist es wieder die 6, die ich für diese
Art Störung, die vorliegt, drücken soll (48 Ct).
Ich habe Glück, schon nach 4 Minuten sagt mir die elektronische Dame, dass
sich ein Service-Mitarbeiter gleich um mich kümmern wird. Die ganze Zeit
läuft dabei diese einschläfernde Musik. Alles Taktik. Ich lasse mich aber
nicht einlullen, allerdings hält es mich auch nicht mehr auf meinem
Bürostuhl, und ich fange an, wie ein Tiger im Käfig auf und ab zu wandern.
Ich warte, was bleibt mir auch anderes übrig. Jetzt bin ich soweit
gekommen, da kommt aufgeben nicht mehr in Frage (60 Ct). Und siehe da,
bald darauf höre ich ein vertrautes Freizeichen (96 Ct), und dann habe ich
doch tatsächlich einen Menschen aus Fleisch und Blut an der Strippe.
'Walter Dergdsfgdkyv, was kann ich für Sie tun?' Da ich schon geübt bin in
solchen Anrufen, versuche ich mir stets den Nachnamen zu merken. Der wird
aber bewusst genuschelt, und ich hake nach: 'Wie war Ihr Name bitte?'
Jetzt konnte ich ihn deutlich verstehen. Also sofort notiert. Auch das,
liebe Leser, ist sehr wichtig. Sollten Sie zum wiederholten Male wegen der
gleichen Sache anrufen müssen, was die Regel ist, werden Sie garantiert
nach diesem Namen gefragt. Ich stelle mich zunächst selbst vor, und dann
entwickelt sich folgender Dialog:
Ich: 'Ich habe ein Problem mit der Internetverbindung'. Er: 'Ihre
Kundennummer bitte'. Die hatte ich mir natürlich zurecht gelegt. Ein ganz
wichtiger Punkt, denn wenn Sie jetzt anfangen müssen zu suchen, wird es
richtig teuer. Er: 'Moment bitte' und ich höre, wie er die Nummer in eine
Tastatur hämmert. Kurz darauf er: 'Herr Klinkhammer? Pusemuckel?
Dingsbumsstraße 80?' Ich bejahe, und als ob er mir am Anfang unseres
Gespräches nicht zugehört hätte, kommt jetzt die Frage: 'Um was für eine
Art Störung handelt es sich denn?' Also wiederhole ich mich. Diese Frage,
verstehen Sie das nicht falsch, wird nur deshalb gestellt, damit der
Servicemensch den richtigen Fragenkatalog nehmen kann. Und prompt beginnt
er, diesen abzuarbeiten.
Zu den Zeiten der häufig besetzten Hotlines hatte man wenigstens oft das
Glück, einen Fachmann an der Strippe zu haben. Das ist längst anders. Die
so genannten Call-Center werden zumeist bevölkert von studentischen
Hilfskräften, oder Mitarbeitern mit null Durchblick. Für eben diese sind
die Fragenkataloge entwickelt worden. Das hat allerdings den Nachteil,
dass es eigentlich völlig egal ist, was man am Telefon so erzählt. Dieser
Mensch geht stur Punkt für Punkt seiner Liste durch. Ob es Sinn macht nach
der eigenen Netzwerkadresse zu fragen, wenn man kurz vorher gesagt hat,
keine zu haben, sei mal dahingestellt.
Wir sind jetzt bei ca. 1,80 Euro, als es richtig losgeht. Ich werfe, bevor
der Student dumme Fragen zu stellen beginnt noch schnell ein, dass ich
Netzwerker bin, also Ahnung habe und deshalb die Störung schon exakt
lokalisieren kann. Doch er ist unbeeindruckt. 'Haben Sie Ihren Computer
schon mal neu gestartet?' Ich: 'Das war nicht nötig, weil dieser vom Modem
keine Netzwerkadresse bezieht. Der Fehler liegt also nicht an meinem
Computer'. Er: 'Bitte starten Sie den Computer trotzdem neu. Wir wollen
doch ausschließen, dass es daran liegt'. Ich: 'Meinetwegen... Moment...'
(2,52 Euro). Mein Hals beginnt ganz allmählich an Durchmesser zu gewinnen,
aber ich behalte meine ruhige Stimme bei. Ich, nach einer Weile: 'So,
läuft wieder'. Er: 'Können Sie es jetzt noch mal versuchen?. Ich: 'Bin
schon dabei... Immer noch nichts'. Er: 'Welche Meldung erhalten Sie denn?'
Ich: 'Die Adresse konnte nicht gefunden werden,' und ich beeile mich noch
hinterher zu werfen 'weil das Modem meinem Computer keine Adresse zuweist.
Liegt also nicht daran'.
Er (unbeeindruckt): 'Öffnen Sie bitte mal ein DOS-Fenster und tippen Sie
folgenden Befehl ein: ipconfig'. Das mache ich natürlich, obwohl absoluter
Schwachsinn, wobei ich mir den Zimmermann vorstelle, der jetzt in seinem
Haus nach einem DOS- Fenster sucht. Ich: 'Keine IP-Adresse, wie ich gesagt
habe'. Noch ist mein Gegenüber aber nicht am Ende seines Lateins. Immerhin
hat er ja noch den Katalog mit den vielen blödsinnigen Fragen, die nichts,
aber auch gar nichts mit dem vorliegenden Problem zu tun haben. Er: 'OK,
schließen Sie das Fenster und prüfen Sie mal alle Kabelverbindungen'. Ich,
um den Unsinn abzukürzen: 'Schon passiert. Alles in Ordnung, aber das
Modem'. Er fällt mir ins Wort: 'Können Sie das Dos-Fenster noch einmal
öffnen und den Befehl: ping 89.12.47.122 eingeben?' Jetzt bin ich dann
doch allmählich genervt. Also wird mein Ton um eine Nuance schärfer: 'Ein
ping nutzt nichts, wenn der eigene PC keine IP-Adresse hat' (3,00 Euro).
Er (immer noch unbeeindruckt): 'Man kann nie wissen. Wir wollen doch
ausschließen, dass der Fehler an Ihrem PC liegt'. Da ich das 'Wir' für
unpassend halte, weil es den Kunden auf die Seite der Dummen rückt, und
ich meine Hausaufgaben längst gemacht habe, erwidere ich noch etwas
schärfer: 'Hören Sie mir eigentlich zu? Ich bin Netzwerktechniker und habe
alle Eventualitäten berücksichtigt. Glauben Sie mir einfach, dass das
Problem Ihr verd. Modem ist, damit wir das Frage- und Antwortspiel
deutlich abkürzen können.
Offensichtlich war ich jetzt so laut, dass er zugehört hat. Es scheint
zumindest so, denn er antwortet: 'Ich kann das Problem so nicht ins System
eingeben, bevor wir nicht alles Andere ausgeschlossen haben. Mit System
meint der Mensch ein so genanntes Trouble-Ticket-System, also ein Programm
zur Erfassung von Störungen. Ich kenne solche Programme zur Genüge, also
kontere ich: 'Mit welchem System arbeiten Sie denn, wenn ich fragen darf?'
Nach kurzem Zögern bekomme ich eine befriedigende Antwort, also fahre ich
fort: 'Sie können, wenn Sie das und das drücken die Störung sofort
eintippen. Ich habe lange selbst mit dem Programm zu tun gehabt'. Wieder
eine Kunstpause. Sollte ich ihn jetzt etwa unsicher gemacht haben?
Scheinbar ist das so, denn nach einiger Zeit (3,60 Euro) bekomme ich zur
Antwort: 'Sooo, ok, dann sagen Sie mir bitte noch mal, um was für eine Art
Störung es sich denn handelt?' Ich bin, glaube ich, in diesem Moment der
Verzweiflung näher als der Valium-schluckende Student. Also bete ich ihm
wie bei einem Diktat den Text noch mal vor. Immer schön langsam und
einzelne Passagen wiederholend. Immerhin scheint es jetzt geklappt zu
haben, denn er hebt an: 'Gut, haben Sie eine Rufnummer, unter der Sie
erreichbar sind?' Ich antworte halbwegs erleichtert, hake aber nach:
'Geben Sie mir bitte noch die Ticket-Nummer'. Damit hat er aber nicht
gerechnet. Er stottert förmlich, dass er noch keine Ticket-Nummer hat und
mir deshalb auch keine geben könne. Ich habe damit gerechnet. Dazu möchte
ich Ihnen, geneigte Leser kurz erklären, wie so ein Call-Center
funktioniert. Dort sitzen eine Menge Leute vor einer Menge Bildschirmen,
ein so genanntes Headset (Kopfhörer mit angebautem Mikrofon) auf dem Kopf
und hoffen, dass kein Anruf auf Ihrem Apparat aufläuft. Das bedeutet
nämlich in vielerlei Hinsicht Arbeit und Ärger. Wer ein Telefonat entgegen
nimmt, ist für den gesamten weiteren Ablauf bis zur Behebung der Störung
verantwortlich. Sobald eine Ticket-Nummer vergeben wurde, ist auch klar,
wer das getan hat, und er muss sich darum weiter kümmern. Eine lästige
Aufgabe, der man aber leicht aus dem Weg gehen kann, wenn der Anruf erst
gar nicht erfasst wird. Dieser Mensch am Telefon hatte sich also einfach
Arbeit sparen wollen, getreu dem Motto: Der Kunde ruft schon wieder an,
aber dann bei meinen Kollegen.
Es kostet mich einige Mühe und einen doppelten Whiskey, noch halbwegs
ruhig zu bleiben. 'Bitte vergeben Sie eine Ticket-Nummer und nennen Sie
sie mir', fordere ich Ihn auf. Ich ahne, wie er sich windet, aber ihm
bleibt keine andere Wahl. Nach einer viel zu lange scheinenden Zeit (5,20
Euro) bekomme ich dann endlich die so wichtige Nummer. Er betet Sie mir
vor, und ich schreibe mit. Das Gespräch ist dann auch recht bald beendet.
Vorher bekomme ich noch mitgeteilt, dass sich ein Techniker bei mir melden
wird. Er vergisst nur zu sagen in welchem Jahr (5,32 Euro).
An diesem Tag passiert nichts mehr. Kein Anruf und auch noch kein
Internet. Es ist ja nicht wirklich wichtig, dass ich von einem
funktionierenden System abhängig bin, ja sogar davon lebe. In der darauf
folgenden Nacht schlafe ich schlecht und träume, ich sitze in einem
Internet-Cafe vor einem Viren-verseuchten Computer. Am nächsten Morgen
entschließe ich mich, mal wieder Ablage zu machen, bis ich es nicht mehr
aushalte. Es ist so gegen 10 Uhr, und ich schnappe mir das Telefon. Die
Musik ist noch die selbe und auch die elektronische Dame, die mich
auffordert Tasten zu drücken. Ich hangele mich also wieder durch, bis
erneut das Freizeichen ertönt (96 Ct).
'Dietmar Hrgvdsgsöcs, guten Tag. Was kann ich für Sie tun?' Diesmal ist
mir der Name dieses Menschen egal. Ich habe ja eine Ticket-Nummer. Also
antworte ich mit meinem Namen und nenne noch die Störungsnummer, nicht
ohne dabei zu bemerken, dass sich noch kein Techniker gemeldet hat. 'Er:
'Moment...'. Ich höre ihn tippen. Dann scheint er was gefunden zu haben,
denn er leiert brav meinen Namen und meine Adresse herunter. Und danach
trifft mich beinahe der Schlag, als er fortfährt: 'Um welche Störung
handelt es sich bitte?' Das muss Methode haben. So wird der Kunde mürbe
und weich geklopft, bis er aufgibt. Mit mir nicht, meine Herren! Ich: 'Die
Störung ist doch unter dieser Ticket-Nummer beschrieben? Was soll die
unnütze Frage?' Der Mensch hat Zeit und lässt mich mit einem 'Moment...'
in der Luft verhungern (1,72 Euro). Er: 'Hier steht nur, dass das Modem
keine IP- Adresse vergibt. Haben Sie schon Ihren Computer überprüft?' Was
soll ich jetzt antworten? Das die Beschreibung einem Techniker völlig
ausreicht? Er braucht nur das blöde Modem zu wechseln? Oder -und ich bin
versucht, das zu tun- soll ich mein Telefon vor die Lautsprecher meiner
Stereoanlage halten und dem Mann einen Hörschaden verpassen?
Irgendwie bekomme ich noch einen vernünftigen Satz zustande, ohne
ausfallend zu werden. Nach einer erneuten detaillierten Schilderung des
Problems bemerke ich , dass die Technik ja längst verständigt sein muss,
und ich nur noch auf den Techniker warte. Er belehrt mich eines Besseren.
Er: 'Das ist noch nicht passiert, weil wir noch Rückfragen haben. Bei wem
haben Sie denn die Störung gemeldet?'
Liebe Leser, wenn Sie diese Zeilen erhalten, hat die Anstaltsleitung es
freundlicherweise gestattet, den Brief mit diesem Inhalt an meine Familie
draußen weiter zu leiten. Ich danke ihr dafür von Herzen. Sie können mich
auch gerne besuchen kommen. Einmal im Monat darf ich für 20 Minuten ins
Besucherzimmer. Ich erzähle Ihnen dann, worauf Sie vor der Einweisung in
die Geschlossene achten sollten.
(Copyright Georg
Klinkhammer,
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