Margit Heinicke: Zurück ins Leben
Der Schmerz zerriss mich fast. Mir war schlecht und so schnell wie alles hoch kam, war ich nicht auf dem Klo. Gott sei Dank war ich allein. Weder meine kleine Tochter noch mein Mann waren da.
Ich hing über der Kloschüssel und würgte und würgte und dachte mein letztes Stündchen hätte geschlagen. Als sich mein Magen nach einer mir endlos scheinenden Zeit etwas beruhigt hatte, richtete ich mich wieder auf. Ich war kaum in der Lage ins Schlafzimmer zurückzugehen. Ich hatte das Gefühl, mein Körper wollte das Innerste nach Außen kehren.
In der Küche griff ich nach einem Eimer, um wenigstens mein Erbrochenes aufzuwischen. Wieder dieser Schmerz. Der Eimer glitt mir aus der Hand und ich krümmte mich zusammen. Langsam schlich ich ins Wohnzimmer und legte mich auf die Couch. Scheiße! Warum musste ich ausgerechnet heute mit dem aufhören anfangen. Morgen war schließlich auch noch ein Tag.
Ich rappelte mich hoch und ging ins Schlafzimmer, dort hatte ich doch immer eine eiserne Reserve. Ich zog die Schublade meines Nachtkästchens auf und durchwühlte sie. Nichts! Im Kleiderschrank. Ich riss die Tür auf. Hastig schob ich meine Wäsche zur Seite, griff dahinter. Endlich! Ich hielt sie wie eine Trophäe in der Hand. Eine neue Schmerzwelle überrollte meinen Körper und ich ließ mich aufs Bett fallen. Das Röhrchen entglitt meiner Hand und landete auf dem Boden. Ich weiß nicht wie lange ich so dagelegen bin, aber irgendwann hörte ich Geräusche in der Wohnung.
Langsam nur ließ der Schmerz nach und ich war wieder voll da. Bevor ich jedoch vom Bett hochkommen konnte, stand plötzlich meine Mutter vor mir. Ihrem Gesicht sah ich an, was sie dachte. Sie kam um das Bett herum und trat gegen das Röhrchen. Verwundert hob sie es auf und in dem Moment begann wieder mein Magen zu rebellieren. Ich konnte gerade noch aufspringen, doch dann war es auch schon passiert. Mama griff nach mir, legte mich wieder hin und holte dann den Eimer. Als das Schlimmste vorbei war, setzte sie sich zu mir. Das Röhrchen vor mir hin und her schwenkend sagte sie.
"Warum hast Du das getan? Ich rufe jetzt einen Krankenwagen und lasse Dich ins Krankenhaus bringen."
Ich schüttelte den Kopf. Sie hatte die Situation völlig falsch verstanden. Allerdings fehlte mir die Kraft mich gegen sie oder irgend etwas zu wehren.
Ich sah ihr nach und dachte nur, hoffentlich lässt sie das Röhrchen hier. Doch diese Hoffnung schwand mit ihr durch die Tür hinaus. Ich war wieder allein.
Tausend Gedanken zogen durch meinen Kopf, aber ich konnte keinen halten. Etwas war übermächtig. Die Angst und der Schmerz. Was passierte mit mir? Ich konnte es nicht mehr steuern. Gestern noch wusste ich genau was ich wollte. Ich wollte leben. Und jetzt? Ich würde alles geben für eine Tablette.
Ich weiß nicht wie viel Zeit vergangen war, aber plötzlich war Mama wieder da und bei ihr Männer. Männer?! Ich fuhr hoch. Erst jetzt erkannte ich, was hier vor sich ging. Meine Mutter hatte wirklich den Notarzt alarmiert. Sie redete, der Arzt untersuchte und ich wusste nicht , wie mir geschah.
Ich hörte nur "Magen auspumpen." und war plötzlich hellwach. Wo war ich eigentlich? Ich sah weiße Wände, helle Lichter, Stimmen. Wo war Mama? Ich sah ein Gesicht, jemand beugte sich über mich.
"Wie geht es Ihnen?" Meinte er mich? Erst jetzt spürte ich meinen Körper wieder. Er bäumte sich auf, verlangte sein Recht. Ich sah den Arzt, den Schlauch und schrie auf.
"Nein!", er hielt inne.
"Ihre Mutter sagte, Sie hätten Tabletten genommen. Wir müssen den Magen auspumpen, sonst können wir Ihnen nicht helfen."
Verzweifelt schüttelte ich den Kopf, wollte etwas sagen, doch meine Kehle war wie zugeschnürt. Der Arzt ließ sich außerdem nicht beirren. Ich spürte kaum den Einstich der Nadel.
Als alles vorbei war, erwachte ich in einem weißbezogenen Klinikbett. Was war passiert?
Mühsam versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen. Hatte man mir den Magen ausgepumpt? Kannte man mein Geheimnis? Die Angst wurde groß und größer. Ich sah meinen Mann, mein Kind. Was wurde aus ihnen? Würde ich es schaffen? Schaffte ich den Weg ins Leben? Langsam nur drang die Realität zu mir vor. Eine Schwester kam herein, lächelte freundlich, überprüfte meinen Tropf, den ich jetzt erst wahrnahm.
"Wie fühlen Sie sich?" Ihre Stimme war angenehm.
Ich nickte. "Mir geht es gut. Was hat man mit mir gemacht?" Ich musste es wissen. Sie erklärte mir, bei der Magenspiegelung wäre ich sehr unruhig gewesen und man hätte mich narkotisieren müssen. Magenspiegelung? War da was schief gelaufen? Na ja, konnte mir egal sein.
"Wozu der Tropf?" Ich hasste Nadeln in oder an mir und hätte mir das Ding am liebsten herausgerissen. Sie sagte, dass wäre nach einer Narkose üblich und am Abend würde der Tropf wieder abgenommen. Dann war sie draußen.
Ich lag da, wurde mir bewusst. Ich war noch da, lebte. Ich hatte Schmerzen, Angst, Sehnsucht. Wo war mein Mann? Wo meine Mutter? Was war mit meiner Tochter? Ich haderte mit meinem Schicksal, stellte alles in Frage. Wusste auf nichts eine Antwort.
Wieder öffnete sich die Tür. Oma kam herein, Püppi auf dem Arm. Ich hätte vor Freude schreien können. Oma stellte Reisetasche und Kind neben mein Bett und beugte sich über mich. Ihr Mund berührte flüchtig meine Wange.
"Was machst du für Sachen, Kind? Mama hat mir erzählt, du hättest Tabletten genommen. Sie ist ganz fertig." Ich sah Püppi, drücke sie an mich.
"Ich habe keine Tabletten genommen, Oma." Ich will ihr die Wahrheit sagen, kann es nicht. Sie würde es nicht verstehen. Mama sollte es verstehen. Warum verstand sie es nicht?
Oma, praktisch wie immer, verstaute erst mal die mitgebrachten Utensilien in den schmalen Schrank. Ich schmuste derweil mit Püppi und vergaß darüber alles andere. Dann kam wieder die Schwester herein und sagte, die Besuchszeit wäre zu Ende. Oma nickte, nahm Püppi auf den Arm, gab mir einen Abschiedskuss und ging zur Tür. Ich wollte schreien "Bleibt!", doch schon waren sie draußen und ich wieder allein.
Ich starrte auf die Tür. Wann kam Paul? Ich sah auf die Uhr, die Oma mir mitgebracht hatte. Es war ja erst ein Uhr, und Paul noch im Büro. Was würde er sagen, was machen? Hatte er endgültig die Nase voll von mir? Würde er gehen, mich alleine lassen? Die Angst saß mir im Nacken wie ein Schreckgespenst. Schwestern kamen und gingen, auch ein Arzt war bei mir, ich nahm es wahr. Es berührte mich nicht. Ich wartete. Starrte auf die Tür. Und da waren sie plötzlich.
Gestalten, Fratzen drängten sich hämisch lachend durch die geschlossene weiße Kliniktür. Ich wollte schreien, mich wehren, tat nichts dergleichen. War wie gelähmt vor Angst. Sie kamen auf mich zu, glitten durch mich hindurch und ließen mich zitternd vor Furcht zurück. Ich rührte mich nicht, zog mir die Decke über den Kopf. Warum nur half mir niemand?
Dann endlich war er da. Sah mich an, verstand nichts. War überfordert. Er nahm mich in den Arm, wiegte mich wie ein Kind, sagte nichts.
"Ich wollte mich nicht umbringen." sagte ich eine ganze Weile später. Er nickte, wissend. Immerhin hatte er vor nicht all zu langer Zeit, eine ganze Menge Röhrchen im Schrank versteckt gefunden. Er kannte mein Problem, allerdings keine Lösung. Nur den Weg von einer Sucht in die Nächste. Von Tabletten zu Alkohol? Nein, das war es nicht was ich wollte. Was aber wollte ich? Erst einmal nur wieder raus aus der Klinik. Paul zog mich hoch und wir gingen raus auf den Flur, nach unten zum rauchen. Er blieb lange, aber es blieb vieles ungesagt. Als wir von unten wieder rauf gingen, überfiel mich wieder eine Schmerzwelle. Ich stöhnte auf und er stützte mich.
"Ich rufe den Arzt."
"Nein, lass das bloß, oder willst Du mich in Grafenberg wieder finden.", meine Angst war schon fast panisch. Ich traute mich nicht, ihm von den Fratzen zu erzählen, denn dann würde er ganz bestimmt den Arzt informieren. Ich war weder verrückt noch krank, ich wollte einfach nur nach Hause. Im Zimmer legte ich mich aufs Bett und atmete erst einmal tief durch. Es klopfte und schon wieder stand eine Schwester im Zimmer.
"Ich bringe die Medikamente. Brauchen Sie etwas zu schlafen?", das fragte sie mich? Was war hier los, was lief hier schief? Paul und ich sahen uns an und langsam schüttelte ich den Kopf. Dann war auch er gegangen.
Schweißgebadet schreckte ich auf. Hatte ich geschlafen? Im Zimmer war es dunkel. Aus der Dunkelheit kroch mir die Angst entgegen. Mir wurde schlecht, doch ich traute mich nicht aus dem Bett, und schon gar nicht eine Schwester zu rufen. Sie waren wieder da. Glotzten, tanzten um mich herum. Ich kniff die Augen zu, doch es half nichts, sie blieben, lachten mich aus und ließen mich nicht in Ruhe. Ich hörte sie lachen, murmeln und hielt mir die Ohren zu. Verzweifelt setzte ich mich auf, schlug die Decke zurück und rannte zur Toilette. Nachdem ich mich schon wieder mal übergeben hatte, merkte ich, sie waren weg. Langsam ging ich über den Flur in mein Zimmer. Die Schwester kam hinterher.
"Ist Ihnen nicht gut? Soll ich den Arzt rufen?"
"Nein, es geht schon. Mir war einfach nur übel."
"Das kann selbst bei einer kleinen Narkose schon mal passieren. Soll ich Ihnen etwas zum schlafen geben?"
Ich starrte sie an, als wäre sie nicht normal. Wusste sie denn nicht was mit mir war? Nein! Woher denn? Ich lehnte ab und ging wieder ins Zimmer. Es war noch so früh. Was sollte ich die ganze Nacht machen? Ich war unruhig, zitterte. Mir war kalt und trotzdem rann mir der Schweiß den Rücken herunter. Hatte Oma mir nicht Zeitschriften mitgebracht? Ich saß die ganze Nacht bei hellen Licht und las und schrieb. Gottlob war ich allein im Zimmer. Irgendwann gegen Morgen muss ich dann doch noch eingeschlafen sein.
"Herr Doktor, kann ich heute nach Hause?" Es war elf Uhr und Visite. Der Stationsarzt und die Schwester standen vor meinem Bett. Der Arzt setzte sich auf die Bettkante.
"Frau Beck, Sie leiden an einer Schleimhautentzündung. Außerdem sind Ihre Blutwerte nicht in Ordnung."
"Heißt das, ich muss noch hier bleiben?"
"Sicher. Schwester Irmgard sagte mir, Ihnen wäre es in der Nacht nicht gut gegangen?"
"Ach was. Mir war einfach nur übel. Ich denke das ist nach einer Narkose so." wiegelte ich ab.
"Frau Beck, Sie sind mit der Diagnose Tablettenvergiftung eingeliefert worden. Die Magenspiegelung allerdings ergab dann, das keine Tablettenreste im Magen waren. Wie kam Ihre Mutter auf diese Vermutung?"
Ich hatte jetzt die Chance zu sprechen, konnte mich dem Arzt anvertrauen. Ich schaffte es nicht. Die Angst vor dem eingesperrt werden in eine Anstalt war einfach zu groß.
"Ich weiß es nicht. Vielleicht weil sie auf dem Boden das Tablettenröhrchen gefunden hat. Das habe ich allerdings schon lange und es muss herunter gefallen sein, als ich ohnmächtig wurde." Der Arzt nickte, sah mich lange an.
"Sobald Ihre Blutwerte in Ordnung sind, kann ich Sie entlassen."
Ich merkte genau, das er wusste was los war, doch solange ich schwieg hatte er keine handhabe. Ich atmete auf, als sie endlich raus waren. Die Schmerzen kamen und gingen und manchmal war es so schlimm, das ich nicht mal mehr denken konnte. Nur ganz allmählich ebbte es ab und ich erlebte den Nachmittag fast schmerzfrei. Diesmal kamen nicht nur Oma und Püppi, sondern auch noch mein Opa und mein Bruder.
Irgendwie war ich froh, denn so kam kein persönliches Gespräch auf. Weder zwischen Oma und mir, noch konnte Max mir Fragen stellen. Er war der Einzige, außer Paul, der noch Bescheid wusste. Opa meinte, ich sähe sehr blass aus und schlug vor, einen Spaziergang durch den Garten zu machen. Allerdings zitterten mir noch immer die Knie und ich zog es vor im Bett zu bleiben.
"Opa, mir geht es noch nicht so gut, dass ich draußen herumspazieren möchte."
Das sah er ein und nach einer Stunde bereits waren sie wieder weg und ich wälzte mich ruhelos hin und her. Wo war meine Mutter? Warum kam sie nicht? Oma hatte gesagt, es gehe ihr nicht gut. Aber mir ging es auch schlecht. Opa hatte gesagt, sie kommt Morgen, vielleicht. Papa wollte heute Abend mit Paul kommen. Das war mir auch Recht, dann konnte ich noch ein wenig über die Lösung meines Problems nachdenken, ohne darüber sprechen zu müssen. Mir war klar, dass auch Paul an einer Lösung arbeiten würde, nur wie das Ergebnis seiner Überlegungen aussah, davor hatte ich Angst. Ich wollte mich gerade hinlegen, als es draußen laut wurde. Ich sah zur Tür und dachte ich würde den Verstand verlieren. Da waren sie wieder. Eine nach der anderen zogen sie an mir vorbei, durch mich hindurch und ich konnte nichts machen. Lag nur da und sie trampelten auf mir herum, grinsten. Erst als die Schwester an meinem Arm rüttelte, kam ich wieder richtig zu mir.
"Frau Beck, haben Sie nicht gehört?" Die Stimme der Schwester klang besorgt.
"Doch ich habe gehört, war einfach mit meinen Gedanken woanders."
Sie waren weg. Ich atmete auf und jetzt erst konnte ich mich auf das konzentrieren, was inzwischen um mich herum geschehen war. Man hatte eine ältere Damen in mein Zimmer geschoben. Einerseits war ich froh, war ich doch in der Nacht nicht mehr allein, aber andererseits musste ich mich auch mehr zusammenreißen.
Endlich war Paul da. Ich hatte immer noch Herzklopfen wenn ich ihn sah. Ob es ihm wohl genauso ging? Papa kam eine halbe Stunde nach ihm. Wir sprachen nicht viel, saßen im Raucherzimmer. Beide erzählten von der Arbeit und ich sagte, was der Arzt mir erklärt hatte. Paul sagte plötzlich: "Bleibe hier und kuriere dich aus.", doch ich dachte, er will mich nicht mehr. War den Tränen nahe. Er merkte es nicht und mich erfasste wieder Panik.
Plötzlich allerdings wurde mir eins klar. Ich hatte selbst Schuld an dieser Situation. Die Beiden verabschiedeten sich, nachdem die Schwester mal wieder mit ihrer Tablettenbar erschienen war. Ich verstand einfach nicht, wieso sie mir immer noch Schlafmittel anbot. Wenn ich das richtig mitbekommen hatte, wusste der Arzt sehr wohl was mit mir los war. Ich spürte aber auch wie mein Körper schrie, mich quälte und hatte schon meinen Wunsch auf den Lippen. Doch schlagartig fiel Paul mir ein. Und Püppi. Ich wollte sie nicht verlieren. Ich schüttelte den Kopf und die Schwester ging wieder. Die dritte Nacht ohne Tabletten. Was würde passieren?
Ich spürte immer noch jeden Nerv im Körper. Alles schmerzte. Mein Mund war wie eine Wüste und ich holte mir noch etwas zu trinken. So schwach wie gestern war ich nicht mehr. Ich hatte Kopfschmerzen und mir war wieder übel, doch ich brauchte mich nicht mehr zu übergeben. Als ich wieder im Bett lag, sah ich vorsichtig zur Tür. Es tat sich nichts. Keine Gestalten, keine Fratzen. Ein Stein fiel mir vom Herzen und ich legte mich zurück.
Was würde die Zukunft bringen? In die Vergangenheit wollte ich nicht schauen. Konnte es nicht einmal. So gab so vieles an das ich mich nicht mehr erinnern konnte. Paul hatte Dinge angesprochen, an die ich mich überhaupt nicht oder nur ganz verschwommen erinnerte. Was hatte ich ihm angetan? Was hatte er durchgemacht? Ich wusste es nicht. Er sprach nicht darüber. Sprach nie über Gefühle und auch nicht über die Zukunft. Ich spürte die Schmerzwelle kommen, krümmte mich zusammen.
Es wurde besser und auch die Angst war nicht mehr so überwältigend. Ich konnte wieder denken. Ich würde es schaffen, das wusste ich auf einmal ganz genau. Und Paul würde mir helfen, auch ohne viele Worte. Er war einfach da. Und ich lebte wieder.
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