Margit Heinicke: Geisterstunde


Wieder einmal schleppte ich mich müde nach Hause. Dabei war doch heute gar nicht so viel los gewesen. Ich verstand nicht, warum ich immer so schlapp war. Vielleicht sollte ich doch mal zum Arzt gehen. Sylvia meinte auch, das wäre nicht normal.

Na ja. Ich nahm die Post aus dem Kasten und legte die Reklame gleich auf die oberste Stufe der Vortreppe. Das Treppenhaus könnte auch ruhig mal wieder geputzt  werden. Spinnen und dicke Staubfäden hingen an der Decke zum Kellerabgang. Ich schämte mich jedes Mal, wenn ich Besuch bekam. Rasch drückte ich auf den Aufzugknopf. Ich schaffte inzwischen nicht mal mehr die zwei Etagen.

Im Aufzugschacht rührte sich nichts. Klasse, war das Ding schon wieder kaputt. Also doch zu Fuß rauf. Schon nach der Hälfte schlug mir das Herz bis zum Hals und ich bekam kaum noch Luft. Oben stellte ich nur noch alles ab und setzte mich erst mal in den Sessel. So schlecht war es mir schon lange nicht mehr gegangen. Es war merkwürdig still in der Wohnung. Oder kam mir das nur so vor.

Jetzt war es schon wieder so spät und ich wollte Morgen ziemlich früh aufstehen. Rainer wollte gottlob morgen schon wieder hier sein. Dann wollte ich unbedingt richtig fit sein. Jetzt schnell noch aufgeräumt und dann ab ins Bett. Richtig müde war ich seltsamerweise nicht, nur abgeschlafft.

Endlich streckte ich mich lang aus. Heute Nacht musste ich mal was Schönes träumen. Merkwürdig, wieso sah ich denn die Autoscheinwerfer? Klar, ich hatte vergessen, die Jalousien runter zu lassen. Egal. Ich drehte mich einfach um und streckte mich auf den Bauch. So konnte ich am besten einschlafen. Automatisch griff ich nach dem Herzanhänger meines Kette. Langsam wurden meine Glieder schwer. Schön, dann würde ich gleich einschlafen.

Hey, was war das denn? War da jemand in der Wohnung. Mein Herz hämmerte und der Schweiß brach aus allen Poren. Vorsichtig zog ich die Decke noch ein Stück höher. Beobachtete mich da einer? Die Hitze wurde unerträglich und die Angst ebenfalls. Es musste einer da sein. Ruckartig befreite ich mich von der Decke und sprang hoch. Ich starrte zur Tür und dachte mein Herz bliebt stehen.

"Papa?!!!" Das war doch nicht wahr! Konnte nicht sein. Papa war seit 10 Jahren tot. Ich träumte. Oder nicht?

Vorsichtig kniff ich mir in den Arm. Aua. Und er stand immer noch da, grinste und sah mich aus stahlblauen Augen an. Langsam rutscht ich auf die Bettkante.

"Papa." Mehr brachte ich nicht raus.

Er lachte. Oh, man klang das vertraut. Genau wie der blaue Wollpulli mit dem dicken Rollkragen und die braune Stoffhose. Alles war wie früher. Als wäre er nie weg gewesen.

"Kind, mir geht es gut", er zog an seiner Zigarette, ohne die er nicht denkbar war.

Ich starrte auf seine Hand, die sich jetzt auf mein Gesicht zu bewegte. Die Haut zwischen Zeige- und Mittelfinger war gelb vom Nikotin. Am liebsten hätte ich mich in seine Arme geworfen. Doch damit hatte ich ja schon immer Schwierigkeiten. Nur als kleines Mädchen, da war es anders. Automatisch verschränkte ich die Arme vor der Brust.

"Papa, wieso bist du hier? Ich verstehe das nicht."“ Er machte eine Bewegung und die Asche fiel herunter. Wie immer. Er umfasste meine Schulter, sucht meinen Blick.

"Hey, ich bin hier um dir zu helfen. Du bist in Gefahr. Geh' sofort zum Arzt und rufe mich, wenn du Hilfe brauchst."

Ich war wie gelähmt, wollte schreien, fragen. Doch er war weg, als hätte es ihn nie gegeben. Nur die Wärme seiner Hand auf meiner Schulter war noch da. Ich sprang auf, rannte ins Wohnzimmer, durch die ganze Wohnung und versuchte mich zu beruhigen. Nur langsam gelang es mir und ich legte mich wieder hin. Übergangslos muss ich eingeschlafen sein.

"Hallo mein Schatz, guten Morgen."

Ich blinzelte, kniff die Augen wieder zu. Was war los? Im hellen Morgenlicht saß Rainer auf der Bettkante. Erschrocken fuhr ich hoch, Panik erfasste mich.

"Hey, nur die Ruhe. Ich bin's doch nur", erleichtert lachte ich auf und ließ mich küssen und umarmen.

"Wieso bist du schon da?", wunderte ich mich.

"Nun manchmal wird man schneller fertig als man denkt. Ich wollte dich überraschen", lachte er.

"Ich habe sogar schon Frühstück gemacht."

Langsam wurde ich richtig wach, spürte die vertraute Nähe, die Wärme seines Körpers. Wohlig kuschelte ich mich in seine Arme und freute mich auf ein gemütliches Frühstück.

"Komm' du Schmusekatze, jetzt aber raus aus den Federn." Er stand auf und öffnete die Balkontür. Plötzlich stutzte er.

"Sag', rauchst du heimlich?", lächelnd deute er auf ein Häufchen Asche auf dem hellen Teppichboden.

Eine Hitzewelle überrollte mich und mein Herz machte einen heftigen Sprung. Papa war also wirklich da gewesen, es war kein Traum. Man, ich würde noch heute zum Arzt gehen. Ich lächelte.

"Nee, keine Sorge. Das überlasse ich dir ......und Papa."

Die Untersuchung drei Tage später ergab, das ich eine Krebsgeschwulst in der Gebärmutter hatte. Aber Gott sei Dank so früh zum Arzt gegangen war, das alles restlos wegoperiert werden konnte.

ENDE

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