Bianca Haddad: Mein Katzenleben


Ich möchte mich Ihnen gerne vorstellen. Ich bin eine rot-weiße Perserkatze und mein Name ist Hummel von Cat Home.

So hat mich meine erste Dosenöffnerin jedenfalls genannt. Meine jetzige nennt mich schlicht Puschel. Meine Mutter nannte mich allerdings Queen. Sie hat von Anfang an gewusst, dass ich etwas ganz besonderes bin.

Ich bin fast 15 Jahre alt und leide schon an dem einen oder anderen Zipperlein. Aber das lasse ich mir  nicht anmerken. Meistens jedenfalls nicht. Meine jetzige Dosenöffnerin kennt mich so genau, dass sie spürt, wenn es mir mal nicht so gut geht. Dann nimmt sie mich in den Arm und sagt, dass alles gut wird. Ich glaube ihr. Ich vertraue ihr.

Wir spüren beide, dass ich bald im Katzenhimmel bin, da wird es langsam Zeit zurück zu blicken. Es war ein gutes Leben. Ich habe zwei mal das Glück gehabt Junge zu  haben. Leider wurden sie mir beide Male genommen, kaum dass sie alleine aufs Katzenklo gehen konnten. Aber so ist nun mal das Leben. Ich war nicht immer nur gut. Als ich damals bei meiner ersten Dosenöffnerin lebte, war ich sogar ein ziemlicher Wildfang. Na, ja, eigentlich war ich sogar richtig böse. Nach meinem ersten Wurf  habe ich einer 11 Jahre alten Katze ein Auge ausgekratzt und beim zweiten einer 12 Jahre alten Katze ein Ohr abgebissen. Ich spürte, dass man mir meine Babys nehmen würde. Ich war verzweifelt und dann kamen die alten Katzen an und erzählte mir, dass das nun mal so wäre und ich solle mich nicht so anstellen. Sie gingen mir einfach auf die Nerven. Ich weiß, es war falsch ihnen Gewalt anzutun, aber ich wusste mir nicht anders zu helfen. Ich war jung, knapp drei Jahre alt. Ich wollte alle Menschen hassen. Sie waren ja so gemein, aber dann lernte ich meine jetzige Dosenöffnerin, Bianca, kennen.

Meine erste Dosenöffnerin wollte mich nicht mehr, weil ich so böse war. Es war mir egal. Ich ließ niemanden mehr an mich heran. Ich sah furchtbar aus. Ich hatte mir das Fell ausgerissen, für das Bett meiner Kinder, und ich fraß vor Kummer über unsere baldige Trennung nicht mehr richtig. Ich war total abgemagert und das wenige Fell, das ich noch hatte, war schuppig und fettig. Von meiner einstigen Schönheit war nichts mehr übrig. Meine Kinder waren mir am Morgen genommen worden und als am Nachmittag Bianca auftauchte wollte ich sie nicht sehen. Ich versteckte mich, aber meine Dosenöffnerin fand mich und brachte mich trotz meiner Gegenwehr zu Bianca. Wir sahen uns in die Augen, und obwohl ich alle Menschen hassen wollte, gelang es mir nicht. Etwas war in ihrem Blick. Ich sah in ihren Augen ebenso großen Schmerz wie ich ihn selber fühlte. Sie war mit ihren Eltern da. Die beiden fassten mich sofort an. Ich fauchte und versuchte sie zu kratzen, aber die Dosenöffnerin hielt mich so fest, dass ich mich nicht wehren konnte. Ich sah Bianca an und sah wie ihr Mund sich bewegte. Ich hatte mich geweigert etwas von der Menschensprache zu lernen, aber ich begriff, dass sie ihren Eltern gesagt hatte, dass sie mich in Ruhe lassen sollten. Dann hielt mir Bianca ihre Hand mit der Handfläche nach oben hin und bildete mit ihrer Hand ein Körbchen in das ich meinen Kopf legen konnte. Und obwohl ich es eigentlich nicht wollte, weil sie ein Mensch war, tat ich es dennoch. Die Wärme und Liebe, die von ihrer Hand ausging, war wie Balsam für mein schmerzendes Herz. Sie eroberte mein Herz in diesem Moment. Ich liebte sie und liebe sie heute sogar noch mehr. Ich weiß, ihr ging es genauso. Sie hat es mir oft genug gesagt. Ich habe ihre Sprache gelernt und sie meine. Auch wenn es für die meisten Katzen und Menschen ungewöhnlich und verrückt klingen mag, wir reden miteinander. Sie hat mir damals sehr geholfen. Ich glaube, wenn ich nicht mit ihr gegangen wäre, dann wäre ich niemals so alt geworden.

Alle sagten, dass ich allerhöchstens 10 Jahre alt werden würde. Aber wir haben es geschafft. Ich werde in zwei Wochen 15 Jahre alt. Ich spüre, dass ich die 16 nicht mehr erreichen werde und das bereitet mir Sorgen. Für Bianca wird es schwer werden. Sie kann sich ein Leben ohne mich nicht mehr vorstellen und auch ich bin traurig sie verlassen zu müssen. Sie war mir eine gute Begleiterin. Manchmal habe wir uns ganz schön gestritten. Aber sie ist der einzige Mensch, den ich niemals gekratzt habe. Wir sind beide ganz schöne Zicken, aber wir lieben uns und das ist das Einzige was zählt.

Sie hat viel von mir gelernt. Das Beobachten und die Ruhe. Ich habe sie oft getröstet und sie mich auch. Besonders am Anfang war es nicht einfach für mich. Ich vermisste meine Kinder und wollte nicht fressen, aber Bianca hat sich in der Küche auf den Boden gesetzt, mich auf den Schoß genommen und gefüttert. Sie hat mir mit einer Spritze immer wieder Wasser ins Maul gespritzt, weil ich nicht trinken wollte und sie hat geweint. Mit mir und um mich. Meine Liebe zu ihr wurde immer stärker und damit auch mein Wille zu leben. Später habe ich dann zurückgegeben, was sie mir damals gab. Denn auch Bianca hatte schlimme Ereignisse zu überstehen. Ich war immer für sie da und habe sie getröstet. Wenn sie krank  war, bin ich immer in ihrer Nähe geblieben. Ich habe mich auf ihre Brust gelegt, wenn sie eine Lungenentzündung hatte, habe ihr Haar geleckt, wenn sie Fieber hatte. Kurz, ich war da wenn sie mich brauchte. Ich habe viel von ihr gelernt. Ihre Eltern waren keine guten Menschen, sie haben ihr sehr weh getan und auch andere Menschen haben ihr oft weh getan. Dennoch ist sie nie so bösartig geworden wie ich damals. Obwohl ich glaube, dass es manchmal besser gewesen wäre, wenn sie auch mal ihre Krallen ausgefahren hätte. Sie sieht irgendwie immer noch etwas Gutes wo andere nur noch Böses sehen.

Ich habe ihre Art immer in allem noch etwas positives zu sehen übernommen. Dennoch glaube ich, dass sie mehr von mir gelernt hat als ich von ihr. Menschen sind ja so schrecklich unvollkommen, so ganz anders als wir Katzen. Aber Bianca hat mich gelehrt sie trotz, oder auch gerade wegen ihrer Schwächen zu lieben. Sie macht mir meine letzte Zeit sehr schön. Wir kuscheln mehr als früher und wir reden auch viel mehr. Sie besorgt mir immer mein Lieblingsfutter und mein Lieblingsstreu. Sie schimpft nicht, wenn ich es mal nicht ganz bis zum Katzenklo schaffe. Sie tut so, als wenn es gar nicht passiert wäre. Sie weiß eben wie peinlich es mir ist. Da will man nicht, dass drüber geredet wird. Ich kriege jeden Tag ein Leckerli, auch wenn ich mal nicht so brav war. Sie sagt nichts, wenn ich am Teppich oder am Stuhl kratze. Früher habe ich so was nie gemacht, aber jetzt vergesse ich manchmal, dass ich das nicht darf. Ich erschrecke mich dann, wenn sie meinen Namen ruft. Sie meckert aber nicht. Wenn es dunkel ist in der Wohnung, nachts, dann sehe ich nicht mehr so gut und manchmal fange ich dann ganz doll an zu heulen, weil ich einfach nicht mehr weiß wo ich bin. Aber dann höre ich Biancas verschlafene Stimme, die mich ruft, und ich folge ihrer Stimme bis ich sie wieder riechen kann. Dann ist meine Welt wieder in Ordnung. Noch habe ich keine Schmerzen. Bianca und ich haben darüber gesprochen. Wenn ich mich quäle, dann fahren wir zum Tierarzt und ich bekomme den großen „Piecks“. Bianca hat versprochen meine Pfote zu halten, bis ich im Katzenhimmel bin, und ich weiß, sie wird Wort halten. Ich hoffe, dass sie sich dann eine andere Katze sucht. Sie braucht schließlich jemanden, der auf sie aufpasst.

Auch wenn wir Katzen ungern darüber reden, aber irgendwie sind wir schon so etwas wie eure Seelenwächter. Ihr müsst es nur zulassen. Ich bin bereit zu gehen, ich hatte ein schönes Katzenleben. Ich werde „meinen“ Menschen vom Katzenhimmel aus beobachten und ihre Seele bewachen, bis sie eine neue Katze hat, die ihre Sorgen wegschnurrt. Doch noch bin ich hier, und jetzt wird es Zeit, dass ich zu Bianca gehe, mich auf ihre Brust lege, ein bisschen für sie schnurre und mich in den Schlaf streicheln lasse.

So schleiche ich mich nun, katzentatzenleise, auf meine ganz spezielle Weise.

(Copyright Bianca Haddad, eMail: anca05@gmx.de)
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