Daniel Büttrich: Eine finnisch-deutsche Weihnachtsgeschichte
Man muss versuchen, die Fähigkeit zu entwickeln in die Menschen hineinzusehen.
Niklas war ein ängstlicher Junge im Alter von 15 Jahren. In die Schule ging er nicht gerne. Er fürchtete sich vor einigen seiner Klassenkameraden, die merkten, dass er schwächer war als der Rest der Mitschüler. Oft lauerten sie ihm auf dem Nachhauseweg auf und verprügelten ihn. Niklas war ihnen dann hilflos ausgeliefert, weil er alleine und körperlich unterlegen war. Den innerlichen Schmerz unterdrückte er, so lange und so gut es ging. Seine Eltern wollte er nicht zusätzlich belasten. Sie hatten genug mit ihrem eigenen Leben zu tun, dachte er. Und damit, dass Niklas ein schlechter Schüler war, der im Unterricht höchstens durch geistige Abwesenheit auffiel. Im strengen Sinne blieb Niklas dem Unterricht fern, indem er sich während der Schulstunden in seine eigene, stille Welt zurückzog. Zu Hause war er zwar ebenfalls seltsam ruhig und in sich gekehrt, aber seine Mutter fand dies nicht außergewöhnlich, weil Niklas immer so war. Sobald er sich alleine und ungestört in seinem Zimmer befand, brachen die Schmerzen in Form von Tränen aus ihm heraus. Er wälzte sich auf dem Boden, hielt sich den Bauch, der ihm weh tat, und weinte und schluchzte dabei.
An einem Montag im Winter ging Niklas nach dem Unterricht nicht nach Hause, sondern lief durch die Stadt. Er hatte sechs Stunden Unterricht gehabt, unter anderem Sport und Religion. Die Sport- und Religionsstunden waren meistens die schlimmsten. Im Sportunterricht fühlte er sich bei den Mannschaftssportarten stets so, als ob er nicht dazugehören würde. Er war gehemmt und hatte Angst vor Verletzungen. Das hieß nicht, dass er Angst davor hatte sich zu körperlich zu verletzen, sondern eher vor Diskriminierungen. Zeigen wollte er seine Angst nicht, und so wirkte er unnahbar und leicht überheblich. Er konnte dieser Rolle, dieser sich selbst auferlegten Schutzhaltung nicht entfliehen, seine Schüchternheit hatte ihn voll im Griff.
Wenn er in seiner lila Turnhose aus der Umkleidekabine kam, sagte ein dummer Mitschüler: "Oh, jetzt wird es wieder warm." Beim Fußball schrieen manche: "Du bist schwul!", als er am Ball war. Dabei war Niklas im Grunde ein guter Fußballer, er war immer schon der Schnellste in seiner Klasse gewesen und konnte mit dem Ball gut umgehen. Er liebte Sport, am meisten das Laufen. Es waren nur ein paar wenige Mitschüler, den Rest fand Niklas ganz in Ordnung. Doch die wenigen Mitschüler machten Niklas den Schulalltag zur Qual. Um den Demütigungen aus dem Weg zu gehen, zog er sich immer mehr zurück. Er wurde zum ruhigsten Schüler der ganzen Schule. Da sich Niklas für seine Probleme schämte, hielt er sein Innenleben unter Verschluss. Durch diese falsche Scham machte sich Niklas das Leben enorm schwer. Es kostete ihn Kraft und Anstrengung, so sehr, dass er sich kaum auf etwas anderes zu konzentrieren vermochte.
Im Religionsunterricht malten
sie ihm in einer der schlimmsten Stunden mit Kreide etwas auf den Rücken, nahmen
seine Sachen weg und kritzelten in sein Heft.
Die Religionslehrerin konnte ihm nicht helfen.
Nach diesem Vormittag hatte er genug. Über alle Maßen fühlte er sich erschöpft und nicht mehr in der Lage, klare Gedanken zu fassen. Das, was von außen auf ihn einwirkte, war zu viel für ihn, und er fühlte sich ohnmächtig, alleingelassen und fremd in seiner Stadt. Obwohl ihm vieles vertraut war, nahm er es nicht wahr und marschierte einfach starr nach vorne blickend daran vorbei. Er sah in ein Fenster von einer Buchhandlung und erblickte den "Prozess" von Kafka, auf dem Buch das Bild eines in sich gesunkenen Menschen. Sofort schloss er auf seinen Zustand, stellte geistige Parallelen her und kaufte das Buch. Die Bücher, die er sich kaufte, sollten eine Verbindung zu ihm und seinem Leben haben, dachte er sich, als er die Buchhandlung wieder verließ. Er las selten die Bücher, die sie in der Schule zu lesen hatten, zu Ende. Statt dessen liebte er es, eigene Bücher neben der Schule zu lesen. Später sollte er dadurch Autoren kennen lernen, deren Sprache zu einem gewissen Zeitpunkt seinem inneren Zustand entsprachen, und deren Texte ihm Hoffnung gaben. Langsam schlenderte er die Fußgängerzone entlang. Er kam an Schaufenstern vorbei. Ein "Biss"-Verkäufer ("Biss" ist die Münchner Obdachlosenzeitung) begegnete ihm. Schnee lag in der Luft, er fror nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich. Trotzdem wünschte er sich den ersten Schnee herbei. Das hatte immer etwas beruhigendes für ihn gehabt. Er blieb vor einer Litfasssäule stehen und betrachtete sie von allen Seiten. Das Filmplakat für "Bowling for Columbine" gefiel ihm, er hätte es am liebsten heruntergerissen, mitgenommen und in seinem Zimmer aufgehängt. Er tat es jedoch nicht, weil zu viele Menschen vorbeigingen. Niklas dachte darüber nach, dass die Amerikaner nicht nur schlechte Filme machen. In Gedanken zählte er alle guten amerikanischen Filme auf, die er im Kino mit seinem Vater gesehen hatte. Gute Filme gesehen zu haben ist ein unschätzbarer Wert. Später sollte er mit Bufallo 66, The Big Lebowsky, Angst und Schrecken in Las Vegas, L.A. without a map, Ghost Dog und so weiter amerikanische Filme sehen, die ihn inspirierten. Außenseitertum, auch in der Kunst, ist anziehend, besonders, wenn man sich selbst als Außenseiter erkennt.
Die wenigen Menschen um ihn herum befanden sich offenbar in einem Kaufrausch, sie zogen schwer beladen mit Einkaufstüten und -taschen durch die Stadt von Kaufhaus zu Kaufhaus, nur um Weihnachten als Konsumfest zu begehen.
Aber das Einkaufen gehört zu Weihnachten nun einmal dazu wie Plätzchenbacken und Lichtspiele an den Fenstern. Die Zeremonie des Schenkens ist in vielen Familien ein fester Bestandteil von Weihnachten. 'Aber ich mag es auch beschenkt zu werden', dachte Niklas. 'Man fühlt sich wahrgenommen und wertgeschätzt. Ich habe keine Probleme, Geschenke zu finden! Jedes Jahr dasselbe: Für den Onkel Hans entweder Rasierwasser oder Aftershave, für die Mama Duschzeug oder etwas, das sie sich selbst ausgesucht hat, und wofür ich ihr dann anschließend das Geld gebe, und für den Papa meistens am wenigsten, zum Beispiel ein Buch. Aber er braucht auch am wenigsten, wie er in solchen Momenten immer betont.'
Niklas wünschte sich dieses Jahr an Weihnachten von seinem Vater ein Buch über Nirvana, die Musikgruppe, und ihren Sänger Kurt Cobain.
Je nach Stimmungslage hörte Niklas an manchen Tagen ganz gerne Nirvana. Er fand, dass deren Lieder immer noch um Klassen besser waren als der Softpop-Kram, der in jüngster Zeit in Unmengen aus England herüberschwappte. Oasis hatte er eine Zeitlang ganz gut gefunden, aber irgendwie gefiel Niklas ihr arroganzbehaftetes und rüpelhaftes Auftreten auf die Dauer nicht.
Er bog um die Ecke und kam auf den Marienplatz. Die Buden für den Christkindlmarkt wirkten wie leblose Fassaden, denn noch hatten sie nicht geöffnet. Das Gehen erleichterte Niklas, er spürte wie es seinem Leben einen Sinn gab, wie es ihn von seinen Sorgen entfernte. Jeder Schritt eine Befreiung, dachte er sich. Er atmete auf, in einer Umgebung, in der ihn niemand kannte. Im Schulgebäude hatte er öfter klaustrophobische Zustände. Hindernissen aus dem Weg gehen, hieß das Spiel, das er in der Schule ausübte. Kein lustiges Spiel, und so schlich er oft geduckt durch die Gänge und hoffte, nicht blöd angeredet zu werden. Er war der Schüler, der nicht da war. Kleine Augenblicke des Glücks, wenn ihn beispielsweise ein nettes Mädchen im Vorbeigehen anlachte, fanden einen Platz in seinem Gedächtnis.
Ein bärtiger Mann mit Wildlederjacke rannte ihn fast über den Haufen, ein kleiner frierender und zitternder Dackel roch an seiner Jeanshose, ehe die ältere Frau, die seine Leine hielt, ihn mit den Worten "Komm, Herbert, nicht fremde Kinder anschnuppern!" wegzog. Aus dem Burger King kam eine Gruppe von japanischen Touristen heraus. Ein Taxifahrer nahm eine Prise Schnupftabak. Es war gut zu sehen, dass es einen anderen Alltag als den eigenen gibt. Und es war gut, dass man dem eigenen Alltag dadurch kurzzeitig entfliehen konnte, dachte Niklas.
Er entschied sich, ins Valentin-Musäum zu gehen. An der Kasse stand wieder ein Japaner mit Fotoapparat. Niklas schmunzelte über die lustigen Eintrittspreise. Er konnte sich erinnern, dass er beim letzten Besuch an einem heißen Sommertag der Verkäuferin 2,99 DM genau abgezählt gegeben hatte, woraufhin ihm diese die 99 Pfennig und einen Pfennig wieder herausgegeben hatte. Das hatte ihn leicht irritiert. Niklas zahlte, ging die Treppe hoch und schaute sich um. Eine Offenbarung war das Valentin-Musäum nicht, fand er, jedoch ganz amüsant. Schließlich ging er ins Café im obersten Stockwerk und bestellte sich einen Spezi. Das Guinness-Museum in Dublin hat ein Café ganz oben, in der siebten oder achten Etage. Dort gibt es für jeden Besucher ein Guinness zur Belohnung, dass er es nach Dublin ins Guinness-Museum und dann auch noch in die siebte oder achte Etage geschafft hat. Für Niklas war das damals, mit seinem Vater, die erste Bier-Erfahrung gewesen. Nach dem Bier war er seinerzeit ziemlich benommen.
Die Bedienung im Valentin-Café war sehr hübsch. Niklas war aber zu schüchtern, um sie richtig anzusehen. Erstens, weil sie eine Frau war, und zweitens, weil sie ein Mensch war. Mädchen waren für ihn fremde Wesen, mit denen er selten ein Wort wechselte. Er hatte diese ungelösten Probleme mit sich, und da kam es derzeit gar nicht so richtig in Frage sich in die Nähe von Mädchen zu wagen. Verliebt hatte er sich trotzdem, in die Astrid aus seiner Klasse. Astrid war ehrgeizig und strebsam. Sie sah gut aus. Niklas träumte öfter davon, mit ihr zusammen zu sein. Aber irgendwie.... irgendwie ging das nicht. Niklas war von den Noten her eine "Flöte", wie er scherzhaft dachte, und seine Schüchternheit hätte ihm alles versaut. In der Schule könnte er nie neben ihr herlaufen, er würde einknicken und zusammenbrechen vor Ohnmacht.
Er zahlte und stand auf, ging die Treppe wieder hinunter und zurück Richtung Marienplatz. Es war ziemlicher Trubel, unterwegs kamen ihm Scharen von Touristen und Weihnachtsgeschenke-Einkäufern entgegen.
Der Christkindlmarkt hatte inzwischen aufgemacht. Niklas spazierte an den Ständen vorbei. Kleine Glühweintrinkende Grüppchen hatten sich gebildet, sie standen lachend und fröhlich an Stehtischen und amüsierten sich. Niklas kaufte sich ein Magenbrot und englische Weingummis. Sein Taschengeld war damit aufgebraucht. Aber er hatte heute nichts gegessen, sein Magen rumorte und er fühlte sich leicht schwankend und kurz davor schlapp zu machen. Er konnte nicht so gut essen, wenn es ihm in der Schule schlecht ging und ihn etwas belastete. Niklas ging in die Weinstrasse und stand gegenüber der Lentnerschen Buchhandlung. Er sah das Gesicht von Peter Scholl-Latour auf einem Plakat und überlegte, ob er seinem Vater dessen neues Buch zu Weihnachten kaufen solle. Sein Vater interessierte sich für die arabische Welt, und Scholl-Latour war schließlich der Arabienkenner schlechthin. Aber das ging ja nicht ohne Taschengeld. Zwei Meter seitlich von Niklas entfernt stand der Finne Matti und kaufte sich eine Currywurst mit einer Semmel. Der Finne Matti liebte die Leningrad Cowboys und Filme von Aki Kaurismäki. Am wohlsten fühlte er sich in Helsinki. Nichtsdestotrotz war Matti inzwischen nicht mehr Finne, sondern eingebürgerter Deutscher. Seine finnische Mentalität hatte er aber nie abgelegt, auf die war er stolz. Und auf die alten Lieder, die sie in Finnland sangen, auf den finnischen Wodka und Jari Lithmanen, den besten finnischen Fußballspieler. Nicht so sehr stolz war er auf Nokia. Wirtschaft interessierte ihn nicht allzu sehr, es sei denn, es war eine, in der man sich ein Bier bestellen konnte.
Matti stocherte mit seiner Gabel nach den Currywurststückchen. Er ging ein wenig zur Seite und stieß versehentlich Niklas an. Der schaute zu Matti auf. Matti entschuldigte sich sofort: "Entschuldigung, Junge, war keine Absicht!" "Macht nichts", sagte Niklas. Beide gingen nicht auseinander sondern blieben nebeneinander stehen ohne zu reden. Matti, um die Wurst zu essen und die vorbeigehenden Leute zu beobachten, und Niklas, weil er die Bücher in der Auslage der Buchhandlung betrachtete. Beide schauten geradeaus. Jahre später sollte sich Niklas in eben dieser Buchhandlung nach den Aussichten für eine Buchhändlerlehre erkundigen. Er sollte sich gegen die Buchhändlerlehre entscheiden, aber für die Bücher. Bücher würden für ihn immer Reisen in die Phantasie bedeuten, Reisen gegen den Pragmatismus, gegen die nüchterne und opportunistische Darstellung der Wirklichkeit.
Matti lachte und schaute zu Niklas.
"Sag mal, Junge, warum stehst du hier und tust nichts?" "Ich weiß nicht", sagte Niklas. "Wenn du es nicht weißt... ist es gut", sagte Matti. Sie schauten wieder geradeaus. "Sie sind Finne, oder?", fragte Niklas schließlich. "Ja, das stimmt. Wie hast du das erkannt?", fragte Matti zurück. "Auf ihrer Jacke steht Finnland", sagte Niklas. "Ach ja, du hast recht. Du kannst mich duzen. Ich bin der Matti", sprach Matti. Sie gaben sich die Hand. "Niklas." Mattis Blick schweifte in die Ferne. Niklas schaute ihn an. Er war groß und schlank und wirkte wie jemand, an den man sich anlehnen kann. "Uns Finnen erkennt man immer sofort", meinte er. Dann, nach einer Pause: "Warum bist du alleine hier? Hast du keinen Vater oder keine Mutter, die mit dir über den Weihnachtsmarkt gehen? Oder keine Freunde?" "Nein, Freunde habe ich nicht. Doch, einen, aber der geht selten auf Weihnachtsmärkte", sagte Niklas. "Ja", raunzte Matti und sah wieder in die Ferne. „Hab auch wenig Freunde. Macht nichts, ein paar Freunde kommen irgendwann und bleiben für immer. Willst du mit mir über den Weihnachtsmarkt gehen? Oder musst du Hausaufgaben machen?" "Ich muss schon Hausaufgaben machen", grinste Niklas verlegen. "Aber ich würde gerne noch etwas mit dir über den Weihnachtsmarkt gehen." "Machst du gerne Hausaufgaben?" fragte Matti. "Nein, ich hasse es. Es zieht sich immer so lange hin. Ich kann mich so schlecht konzentrieren." "Wer macht schon gerne Hausaufgaben!" meinte Matti feixend. "Du gehst sicher nicht gerne zur Schule?" "Nein, überhaupt nicht", entfuhr es Niklas. Nach einer Weile sprach Matti: "Willst du mir erzählen, warum?" Sie setzten sich langsam in Bewegung. Niklas stockte anfangs etwas. Vielleicht ist der Matti so einer wie der Indianer aus "Hannes Strohkopp" von Janosch, dachte sich Niklas. Sofort verwarf er diesen Gedanken wieder, weil er so kindisch und phantastisch war. Matti lud Niklas auf eine heiße Schokolade ein. Sie standen an einem Tisch, neben den anderen Gruppen, die heftig lachten und sich auf Weihnachten freuten. Niklas erzählte seine Geschichte. An diesem Tag machte er keine Hausaufgaben. Am Ende machte Matti Niklas einen Vorschlag: "Ich werde dich jetzt jeden Morgen auf dem Weg zur Schule begleiten. Und wenn dich jemand verprügeln will, dann sagst du, dass er mit mir Probleme bekommt. Dann komme ich und verprügel ihn." Niklas fuhr mit der S-Bahn nach Hause und freute sich auf Weihnachten. Fortan war er ein stärkerer Schüler, sowohl körperlich als auch in seinen Leistungen. Und Matti? Der fuhr tatsächlich über ein Jahr mit ihm S-Bahn. Später machten Matti, Niklas und sein Vater eine Reise nach Finnland und wurden die größten Freunde. Klingt wie ein Märchen, nicht?
(geschrieben 2002)
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Daniel Büttrich,
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