Daniel Büttrich: Herr Lotus
Bierdosen über Bierdosen im Wohnzimmer. Herr Lotus brach auf. Zunächst fiel er in seinen Sessel zurück, dann, im zweiten Anlauf, gelang es ihm aufzustehen. Er stolperte, krächzte, rülpste. "Wo is'n der Schlüssel?" Seine Zunge war belegt. Er wankte in die Küche zum Kühlschrank. Eine Dose Bier musste jetzt geöffnet werden. Herr Lotus war ganz zittrig gewesen, vor dem Bier. Danach sah er die Dinge klarer, so glaubte er. "Den Schlüssel find ich nun sicher auch", hustete er.
Zum Glück war es im U-Bahn-Untergeschoss kühl. Herr Lotus setzte sich auf die Bank. Seine Kleidung war schweißnass und er atmete schwer. Das Mädchen neben ihm stand auf und ging zur nächsten Bank. Geruchsbelästigung. Herr Lotus fasste in seinen Rauschebart und gab ein für ihn typisches Grunz-Geräusch von sich. "Ein paar Minuten ausruhen!", dachte er. "Die Behördengänge san scho recht anstrengend!", sagte er zu einem jungen Mann, der kurz in seiner Bewegung stockte und erschrocken darüber war, angesprochen zu werden, um dann mit hektischem Schritt weiterzueilen. "Ja, ja, so is des. Da hats eam glei grissn, den Buam." Herr Lotus lachte und schaute sich um, ob jemand eine Reaktion zeigte. Aber wer zeigte in städtischen U-Bahn-Höfen schon großartig eine Reaktion? So kühl es in manchen von ihnen ist, so kühl sind auch die Münchner, die dort warten.
Die U-Bahn fuhr los.
"Heit muss i zum Sozialamt,
woasst?", sagte Herr Lotus dem kleinen asiatischen Kind, das ihm auf dem Schoß
seiner Mutter gegenüber saß. Sein Grinsen wurde von dem Kind nicht erwidert. Die
Mutter sah betreten zur Seite und sprach dann irgendwas in einer fremden Sprache
zu ihrem Sohn.
Das Kind blickte nur starr geradeaus auf den massigen Herrn Lotus, der ihm in
seiner Erscheinung wie ein menschliches Walross vorgekommen sein mag.
Der Cowboy-Hut, die Stiefel, der große Seemannsbart, der dicke Bauch, all das
verlieh Herrn Lotus das Aussehen einer menschlichen Kreuzung von Captain Blaubär
und Bud Spencer. "Wie hoasst denn du, Kloana? Ned Nasebohrn! Bringst mir was
mit, wennsd wieder zruck bist? Haha!"
Die asiatische Mutter-Kind-Gemeinschaft stieg bald aus, und Herr Lotus tuckerte
in der U-Bahn bis zur Endstation weiter.
"Zum Glück gibt es Rolltreppen!", dachte er sich. Zehn Meter gehen, dann wieder
eine halbe Minute ausschnaufen. Schneller kommt ein 60-jähriger
Langzeitalkoholiker und Kettenraucher nicht mehr voran. Er war schon spät dran
und wusste, dass er ungefähr zehn Minuten zu spät zum Termin erscheinen würde.
An der Pforte des Sozialamtes sprach er zu der Dame: "I bin zehn Minuten z'spat,
aber i bin zfriedn mit mir. I hab denkt, i kimm gar ned an. Aba oans woas i: Zum
Gesundheitsamt fahr i zehn Minuten früher los!" Die Dame sagte: "Gut, sie können
in den 2. Stock hochgehen." Die Wachleute sagten ihm dasselbe. Herr Lotus
meinte: "Ja ja."
Dann stand er in der Tür vom Büro seines Sachbearbeiters. "San Sie der Herr Fuchs, oder?", fragte er. "Ja, der bin ich", kam die Antwort. "Warten Sie bitte kurz noch vor der Tür, ich hole sie dann rein." Herr Fuchs war ein kleinwüchsiger, junger Beamter, ein "Hiesiger", wie Herr Lotus sagen würde. Kein unangenehmer Mensch. Herr Fuchs war ruhig und sachlich, und er hatte Verständnis für die Leute.
"Kommen Sie bitte herein." Herr Lotus bewegte seinen Körper humpelnd und wie ein Dampfbügeleisen zischend in das Büro. "I bin a bisserl spät. Deswegen!" Er krempelte seine Hose hoch. Herr Fuchs wusste instinktiv, welcher Anblick ihn erwarten würde. "Sie müssen mir das nicht zeigen", sprach er, und fürchtete dabei, wegen des unmittelbar bevorstehenden Anblicks nicht einschlafen zu können. "Schwarzes Bein, wird a bald abgenommen." "Aha." "Ja, ja, so is des!"
Herr Lotus durfte nun erst
einmal Platz nehmen. Er kramte ein Papierstück aus seiner Jackentasche heraus
und gab es Herrn Fuchs. "Sie müssen also nächsten Mittwoch zur Begutachtung ins
Gesundheitsamt?" "Ja." "Gut, zu diesem Termin müssen sie hingehen. Es ist
notwendig, um abzuklären, ob sie überhaupt erwerbsfähig sind."
"I, erwerbsfähig?! Na, scho lang nimmer!" Herr Lotus schüttelte den Kopf.
"Haben Sie eigentlich
Alkoholprobleme?" Im gleichen Augenblick hielt der Sachbearbeiter Herrn Lotus
einen Zettel mit Alkoholberatungsstellen vor den Bart.
"„O mei! Des is mei großes Problem!", lachte dieser. "I bin scho seit 40 Jahren
vom Alkohol... ja.. sozusagen abhängig. I war früher Maurer, und da hams gesagt:
Bua, trink a Bier, dann kriegst a Kraft. Und dann, später, war i in der
Schifffahrt. Da is freili a trunka worden, ned grad wenig."
"Sie müssen versuchen mit dem Trinken aufzuhören."
"Ahhh, wissen's, mei Mutter, mei ganze Familie hat des scho probiert mir
einzureden. I kann nimmer anders. Ohne Alkohol kann i ned leben. I moan, i trink
jetzt nur no Schnaps. Es is so schwer. I krieg an Kreislaufzusammenbruch, wenn
ich am Morgen nix trink. Ich fall ja sonst um. Wissen's, i war auch schon bei
einigen von den Alkoholberatungsstellen, des bringt mir nix. I kann ned
aufhören!"
Herr Fuchs dachte nach und
sagte erst einmal gar nichts.
"Aber es wäre besser für Sie, wenn Sie Hilfe annehmen würden."
"Na."
Das "Nein" von Herrn Lotus war gleichbedeutend mit der Einsicht von Herrn Fuchs, dass er es nicht schaffen würde, den alten Seemann davon zu überzeugen, dass er Hilfen annehmen solle.
Der Termin endete schließlich
damit, dass Herr Lotus sich verpflichtete, die Begutachtung beim Gesundheitsamt
wahrzunehmen.
Dann wird man weitersehen.
"Der war gar ned zuwider",
grummelte Herr Lotus in seinen Bart, als er sich wieder auf den Heimweg machte,
was soviel heißen sollte wie "Das Verhalten des Sachbearbeiters mir gegenüber
war ganz in Ordnung."
Bevor er zur U-Bahn ging, kaufte er sich jedoch noch ein Dosenbier am
Imbiss-Stand. Was soll man machen?
So ist das mit Hartz IV. Und eine Statistik sagt über die Menschen nicht viel.
(Copyright
Daniel Büttrich,
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