Daniel Büttrich: Ein Tag im Leben mit Hartz IV


Hartz IV sind vor allem die Menschen, die diese Leistung erhalten. Der Bundesbürger, der Hartz IV nur über die Medien kennt, hört "Hartz IV" und denkt an Rekordarbeitslosigkeit, die Zahl 5 Millionen, den Standort Deutschland, das schwerfällige, pausenlos mit sich und seinen Statistiken beschäftigte Behördenungetüm Bundesagentur und an große (nicht großartige, sondern eher großkotzige, aufgeplusterte) Politik. Man erinnert sich dunkel an die Hartz-Kommission, die Versprechungen von Gerhard Schröder, den gewichtigen Begriff Agenda 2010, sowie schließlich an die optimistisch-verklärten Durchhalteparolen vom "Schlechte-Nachrichten-in-gute-Umwandlungs-Minister" Clement, der der freien Wirtschaft viel näher als den Menschen zu sein schien. Clement schrie schließlich, wie ein trotziges Kind, nur noch "Die Schwarzarbeiter sind schuld!"

Freilich ist dies alles auch Hartz IV.

Hartz IV heißt aber ebenso Kinderarmut und soziale Verelendung, Ausgrenzung aus der Gesellschaft. An den 1-Euro-Jobs wird der Arbeitsmarkt nicht gesunden.

Für viele scheint es keinen Ausweg aus Hartz IV mehr zu geben. Allmählich bildet sich eine "Hartz-IV-Schicht" heran, die zu einer Gruppe mit vielen Gemeinsamkeiten heranwächst. Die Gemeinsamkeiten bestehen in der Hoffnungslosigkeit, in der über Jahre hinweg entstandenen Gleichgültigkeit, in der Wut und der Frustration über das Untätigsein, im Zurückgeworfensein auf die bloße Existenz.

Der Fernseher läuft seit morgens, und nach dem Frühstücksfernsehen reiht sich eine Talkshow an die nächste. Während das Wohnzimmer von den Geräuschen des Fernsehers beschallt wird, stapelt sich in der Küche das Geschirr. Die Kinder schreien. Der Blick auf den Innenhof ist trist, es ändert sich nichts. Im Treppenhaus, auf dem Weg zur Waschanlage, begegnen mir die selben niedergeschlagenen Blicke, mit denen ich selbst durch die Welt taumele. Die Haustür schließt nicht richtig, in der Küche fehlen Abstellmöglichkeiten, und die Lattenroste im Bett sind durchgebrochen. Jetzt ist selbst das Radio kaputt! Stattdessen summt der Kühlschrank. Eine einzelne Träne kommt. Weitere Tränen wollen sich anschließen, doch das wird unterbunden, denn meine Kinder sollen nicht sehen wie ich weine. Es ist alles so unvollständig! Mein Leben ist unvollständig, doch ich weiß nicht, wie ich es reparieren kann. Ich bin handwerklich unbegabt. Wo soll ich anfangen? Manchmal reicht eine warmherzige, verständnisvolle Stimme am Telefon, um mich aus meiner Lähmung, aus meiner Trauer herauszureißen. Sind die Kinder aus dem Haus, spüre ich die Einsamkeit wie einen Stachel in mir sitzen. Sehe ich meine Kinder wieder, bin ich glücklich. Kurzzeitig. Meine Kinder bedeuten mir fast alles. Der Glücksfaden reißt schnell wieder ab. Meine Kinder sind bei mir, und doch werde ich unglücklich, weil ich ihnen nicht mehr geben kann, weil ich nicht in der Lage bin ihnen eine sichere Zukunft zu ermöglichen. Sie sollten es besser haben! Dabei leben sie nur mit dem Notwendigsten, wie ich. Und sie haben keinen Vater, der für sie sorgt, umso stärker bin ich gefordert. Ich versuche für sie da zu sein, sie zu umarmen, so oft es geht. Immer öfter jedoch lehnen sie meine Umarmungen ab, und ich mache mir Vorwürfe. Aber sie werden eben älter und erwachsener. Was mache ich falsch? Wie leben die anderen, die es richtig machen? Trübe Gedanken geistern mir durch den Kopf, so lange, bis ich nicht mehr weiterkomme, bis ich zu zerbrechen drohe an der Wirklichkeit.

Ich finde keine Erklärungen. Bei der strengen Erziehung durch meine Eltern könnte ich anfangen. Doch es hilft nicht, zu sagen, ihr seid Schuld, dass ich so bin, dass ich Angst hatte und mir nichts zugetraut habe, dass ich nichts geworden bin, geflohen bin und stets wieder enttäuscht wurde. Wenn das Brot knapp ist, hilft das nichts.

Ich träume schlecht und ein Wimmern durchzieht meinen Schlaf. Meinen Kindern geht's genauso. Vielleicht hört jemand unser Wehklagen. Das ist meine Hoffnung.

Es ist ein Tag im Leben mit Hartz IV, ich weiß nicht einmal mehr, welcher.

(Copyright Daniel Büttrich, E-Mail: samsa4@gmx.de)
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