Hagen Brettschneider: Kristallstadt


Ameisen-wimmelnde Kristallstadt
Die Wolkenstraßen wiederholen sich wie Rippen eines riesigen Skeletts
Die Möwen verschwinden in den schwarzen Schatten der Berge
Die Bäume reiben sich aneinander wie die haarigen Beine von Grillen
Treppenhaus-Leute, Bürgersteigkanten erklimmend und Gehwegplatten stürmend
Gebrochene Achsen und zertrampelte Köpfe
Die Menge ist zerbrechlich
Hundert engelhafte Fremde bringen eine Frau weg
Ein zerfetzter Fuß ragt aus dem aufgeplatzten Stiefel
Fünf Straßen weiter schlagen die Armen auf die Ärmsten ein
Ein Geiger humpelt mit hingehaltenem Hut durch die dicht gedrängte Menge
Mühsam schleppt einer sein Spiegelbild von einem Schaufenster zum nächsten,
Unschlüssig, an welche Wand er sich lehnen soll
Umlaufbahnen und Stolperfallen
Seit Jahren jagt er seine Erinnerungen
Jetzt begreift er, dass seine Erinnerungen ihn gejagt haben…
Böse kaut er auf seinem vom Tabak gebräunten Schnurrbart herum
Schließlich schließt er sich dem murmelnden Draußen,
Dem Fließband, der geräuschvollen Mehrheit an…
Eine Frau in Schwarz steigt langsam die Treppe hinunter
Ihr Haar schäumt in einer leichten Wolke um den Kopf
Jahre von Spinnenfäden um die Augen
Ihre Haut ist über die Knochen gespannt, ohne Fleisch darunter
Dünne Arme, zusammengehalten von blauen Venen
Ihre Hüften schaukeln im Takt der Kirchenglocken
Ihr schwarzer Rücken versinkt in der Finsternis der Kirche
Ein Bischof segnet unablässig die eigenen Schritte
Eine borstige Prozession zieht singend über sein Gesicht
Er behauptet, in den Augen von Kühen den Blick verlorener Menschen zu sehen,
Im Verlauf der Wanderung seiner eigenen Seele
Die gepanzerten Körper von Echsen und Offizieren bewohnt zu haben
Und aus diesen schäbigen Inkarnationen durch Schüsse erlöst worden zu sein
Er wäre schon Pflanze, Vogel, Zeder, Palme und Ölbaum gewesen
Er habe Städte wie Troja und Karthago
Aus dem Stein aufwachsen und in den Staub zurücksinken sehen
Der große Zeiger der Turmuhr wandert jede Minute mit einem Ruck weiter,
Bebt ein bisschen und bleibt stehen
Die Zeit verlangsamt sich und wird sirupartig…

(Copyright Hagen Brettschneider, E-Mail: hagimail@gmx.net)
Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe ist nicht erlaubt)


Hagen Brettschneider
Selber schreiben
SchreiberInnen A-L
SchreiberInnen M-Z

Selber schreiben von lettern.de