Hagen Brettschneider: ohne Titel
Sie kommt, den Kopf
voraus, durch dicke Fensterscheiben
Auf dem Fensterbrett verdorrte Blumen und die vergilbten Namen ihrer
Liebhaber
Sie schreitet über die Menschen hinweg, weiter und weiter
Sie kommt, mit gefährlich geschwärzten Augen starrt sie in den leeren Raum
Sie kommt und lässt die Sekunden funkeln
Sie gibt sich ihren Launen hin sorglos wie eine Schlafende
Sie kommt, Sand und Sterne sammelnd
Der Boden brachte ihr bei, wie man auf ihm läuft
Der Wind zeigte ihr, wie man durch die Haare fährt
Von den Sternen weiß sie, was Entfernung ist
Die Sonne sagte ihr, wie man brennt und verglüht
Die Feuer der Hölle hält sie hell am brennen
Ihre Worte brechen wie Flammen hervor und verzehren alles Erreichbare
Sie kommt mit abgehäuteten Lippen,
Unbarmherzig und gebieterisch wie das Schicksal
Ein Schwert, das ihn durch und durch spaltet
Ihre Blicke sind Fallgruben
Er versinkt in den schwarzen Brunnen ihrer Augen
Er möchte ihren Kopf mitnehmen,
Ihn neben sich auf das Kopfkissen legen und lieben
Nur dort will er atmen, wo ihre Haut atmet
Ihr Lächeln ist kurz wie ein aufblitzendes Messer
Ihre glühend kalten Augen werden kälter
Sie übergießt ihn mit Wasser, bis er wie unter Glas im Frost liegt
Er liegt auf dem Opferblock. Ihr Messer sucht sein Herz
Sie dreht ihm die Arme auf den Rücken, fesselt ihn mit einem Strick,
Schleift ihn unter einen Baum, reißt ihn an diesem Strick hoch
Und schlägt auf ihn ein damit er pendelt
Sein Körpergewicht zieht ihm die gefesselten Arme hoch
Und reißt sie ihm von hinten über den Kopf
Aus den Pfannen der Schultergelenke springen die Kugeln
Ein Geräusch wie aus der Metzgerei,
Wenn der Schlachter einem Kadaver die Knochen auseinander bricht
Um den Schädel legt sie einen Dornenkranz und drückt ihn tiefer,
Bis die Schädelbeine krachen
Nur die Augen lässt sie ihm, damit er sie verschwinden sieht…
Er fühlt keinen Schmerz
Zu lange hat er im Schatten der Sonne gelebt…
Er ist bereits gekreuzigt und vom Kreuz gezeichnet
Seine Seele will Schmerz
Viele Tode will er sterben
Einer ist nicht genug…
(Copyright Hagen
Brettschneider, E-Mail:
hagimail@gmx.net)
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