Anita Breitkopf: Flug in die Träume


Ich habe dich entdeckt, unter all den Menschen hier – dich. Und wieder mal hat sich die Welt verändert, irgendetwas hängt wie Tüll um die Bäume – zum Aufregen schön. Und jeder hier ist ein Blinder, doch ich sehe, bis mir das Herz fast platzt. Zauber und Versuchung! Weißt du, dass ich den lieben muss, der mich zum Sehen bringt?
Unter Hunderten von Menschen: Du! Und alles fängt wieder von vorne an: die Erwartung, die Wünsche und die Welt randvoll mit Leben.
Ich habe dich entdeckt und in mir versteckt! Fangen so Geschichten an, die Schönen von Nächten voll Mond: wer sucht, der findet – wer findet, der schweigt. Ist das der Sommer voll Glück?
Das Lächeln, die Fragen und das Vertrauen in den nächsten Tag. Aber was ist mit der Angst, der Fremdheit, der Lüge im Bauch? Kann sich die Welt von heut´ auf morgen verändern?
Sag´ mir, wie man so schweigend Wunder erzählt und nicht daran erstickt. Hörst du mir zu? Willst du es erleben?
Wenn ich angefangen habe, hör´ ich so schnell nicht wieder auf. Ich werde dir dein Schweigen wegküssen, bis du zu sprechen beginnst. Fang an, Lieber, heute; Jahr für Jahr werden die Sommer kürzer, ich will mir einen Vorrat schaffen für die Wintertage.
Und was du alles nicht sagst, will ich sehen und fühlen. Ich will mich wieder an das Glück erinnern, neben dir wird das möglich sein. Stück für Stück hol´ ich mir das Leben zurück, was da alles möglich erscheint...
Sag mir nicht, wie du es magst, ich werd's herausfinden. Werde dich lesen wie ein Buch, ohne dass du es bemerkst. Ein Wort, eine Handbewegung, ein Blick – ich setze dich zusammen wie ein Puzzle, vielleicht reicht meine Zeit mit dir sogar für ein Großes!
Ich kann nicht neben einem Menschen leben, den ich nicht verstehen darf.
Die Zeit ist stehen geblieben, hält den Atem an, ich lauere auf die Minuten mit dir. Ich bin wie verzaubert, schwebe ich bald?
Ich traue meinen Augen und was ich sehe, kann ich nicht glauben. Wie lang ist der endloseste Augenblick ohne dich? Ich muss meine Wünsche zähmen, möchte nur einmal die Wahrheit, die Wirklichkeit herausschreien können, wie ich es nie vorher tat. Ich rede mit mir, ich rede mit dir, erzähl´ uns unsere Geschichte allein des Nachts, ich schicke die Vernunft zum Teufel.
Leben mit dir- und sehe das Glück mit Mut, denn wer aufhört zu lieben, der stirbt. Erstickt an nicht erlebtem Glück. Ich sehe in deinen Augen die Lust zu leben, deinen Humor, deine Gefühle. Ich sehe deinen Mund, die Falten auf deiner Stirn: nein, sag´ jetzt nichts, ich habe gelernt, zu verdrängen, jetzt möchte ich mich nicht schuldig fühlen.
Ich finde Vergnügen daran, Geduld zu haben, das war mir fremd. Übe mich in Gelassenheit, erwarte den Tag, der alles entscheiden wird und hoffe zugleich, dass er nie kommen möge. Und bin bereit für den Moment, wenn du aus dem Schweigen fällst.
Glück und Wirklichkeit, im Frühling, im Sommer, im Herbst, im Winter – ein Traum? Ich möchte dich im Schneegestöber sehen, dich vom Eis befreien, um dich dann zu wärmen, ohne uns zu verbrennen.
Manchmal probiere ich Worte aus, ganz leise, so, dass mich keiner hört. Behaupte, es gäbe keine Regeln mehr für mich, an die ich mich bis jetzt gehalten habe. Der Hunger nach Nähe zu dir ist übermächtig. Ich rede mit dir, hörst du mich? Ich lerne zu lügen und behaupte, ich gefalle mir. Ich stelle Geschichten hin wie Möbel, auf denen ich dann nur noch Staub wische.
Sag´ doch, ich soll aufhören, sag, ich soll vergessen, wenn du nicht mehr willst. Traum und Alltag sind so dicht beieinander, kann ich sie noch länger auseinander halten?
Wenn die Blätter fallen, die Tage kürzer werden, haben wir dann noch Geduld mit uns? Wenn der Wind uns abkühlt, werden wir weiter lachen können, auch wenn der Regen uns im Nacken sitzt?
Schau in den Spiegel und du wirst es sehen!

 

Die Natur ist kahl, es regnet, es schneit. Du lachst immer noch, Schweigen würde ich auch nicht ertragen. Trotzdem ist es in mir warm, ein loderndes Feuer.

Die großen Raben malen schwarze Punkte in den Schnee, die Fußstapfen von dir wirken so vorsichtig. Du kommst und gehst, deine Nähe nehme ich wie eine Droge. Mein Herz klopft wie verrückt, halte meine Hand, ich zittere...
Lass´ die Erinnerung nie verblassen, Lieber, ein Kind in deinem Arm, das sich geborgen fühlt.
Nimm dir Zeit – auch im nächsten Jahr gibt es wieder einen Sommer!

(geschrieben Ostern 1975)

(Copyright Anita Breitkopf: Breitkoepfe@aol.com)
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