Anita Breitkopf: Ein Tag im Leben des Lächelns


Es war noch früher Morgen, als das Lächeln, gerade erwacht, sich im Bett räkelte und überlegte, welche Arbeit heute getan werden musste. Draußen war es noch relativ ruhig, kein Straßenlärm quälte sein Ohr und so blieb das Lächeln noch einige Minuten liegen und lauschte den Frühnachrichten. Was es da hörte, gefiel ihm wenig, es wurde nur von Dingen berichtet, die mit Unglücken, Erdbeben, Überschwemmungen und Bränden in Zusammenhang standen. So etwas wollte die Menschheit wohl hören, die ganze Palette der Grausamkeiten. Etwas Erfreuliches gab es selten zu berichten, das war ja auch langweilig und nicht so interessant und konnte die Sensationslust nicht befriedigen.
Das Lächeln schüttelte sich und ihm graute vor so viel Leid. Es fragte sich, ob es überhaupt Sinn hätte, heute aufzustehen und wie immer seiner Aufgabe nachzukommen. Aber gerade deshalb hatte man ihm ja den Auftrag gegeben, ein Lächeln in die Gesichter der Menschen zu zaubern. Seine Mission war also weder überflüssig noch sinnlos, sondern gerade jetzt wichtig geworden durch die Gleichgültigkeit in der Ellbogengesellschaft. Hetzten und jagten die Menschen nicht nur mehr durch die Straßen auf der Suche nach Arbeit, Geld und Profit? Gab es irgendwo noch frohes Lachen, ein Verweilen auf einer Parkbank? Sahen Kinder noch die Schönheit der Blumen, kannten sie das vielfältig -und faszinierende Gezwitscher der Vögel?
Das Lächeln stöhnte und je mehr es über die Notwenigkeit seiner Arbeit nachdachte, desto schneller musste es beginnen. Es stürzte aus dem Haus und landete als erstes auf dem Gesicht eines Bäckers, der verschwitzt und mit den Händen im Teig wühlend in seiner Backstube stand und vor sich hin schimpfte. Es war sechs Uhr morgens und er war nicht zum ersten Mal allein für alles verantwortlich, da der Lehrling wie schon so oft verschlafen hatte. Nun musste er alle Brötchen selber backen und auch gleich den Laden öffnen, weil ihm sonst die Kunden davonliefen. Doch plötzlich begann der Bäcker zu lächeln und lächelte und wunderte sich, dass ihm der Druck gar nichts mehr ausmachte. Selbst die noch maulfaule Kundschaft fühlte sich auf Grund solcher Fröhlichkeit durch ihn angesteckt. Somit hatte das Lächeln beim Bäcker sein Werk getan. Es sprang über zu einer Kundin, die eben noch griesgrämig im Kekssortiment wühlte und, siehe da, sie nahm freudig eine große Tüte Gebäck und ging damit nach Hause. Ihre Kinder saßen quengelnd und streitend am Tisch, eines brüllte lauter als das andere, aber als sie die Mutter mitsamt der Kekstüte und dem Lächeln im Gesicht heimkommen sahen, hörten sie schlagartig auf, sich zu balgen. Sie begannen, vergnügt zu frühstücken, verließen singend das Haus und rannten wie gewohnt zur Schule.

Die Lehrerin startete den Unterricht recht lustlos, sie war nicht gut gelaunt. Als sie in der Früh ihr Haus verlassen wollte, stand ein Falschparker direkt vor ihrer Ausfahrt und versperrte den Weg. So war sie fast zu spät in die Schule gekommen und hatte auch keine Zeit mehr gehabt, sich vorzubereiten. Eigentlich stand ja eine Deutscharbeit auf dem Programm, aber als das Lächeln in ihrem Gesicht Platz nahm, vergaß sie ihr Vorhaben, sie wusste gar nicht, wie ihr geschah. Jedenfalls wurde die Arbeit verschoben und sie begab sich mit den umso mehr jubelnden Kindern in den Schulgarten.
Nun hatte sich das Lächeln aber eine Pause verdient. Wie es da so saß und in die Sonne blinzelte, muss es wohl eingeschlafen sein. Als es wieder erwachte, war es Mittag vorbei und noch nicht einmal die Hälfte seines Pensums war erfüllt. Nun aber wieder schnell ans Werk, dachte es. Sodann besuchte es den Fabrikdirektor, der gerade über seinen Bilanzen saß und vorhatte, seine Firma zu vergrößern. Er beschloss stattdessen, den Mitarbeitern mehr Lohn zu zahlen. Es traf den Firmenchef einer Wäschereikette, der lächelnd neue umweltfreundlichere Maschinen orderte, den Straßenbahnfahrer, der einer Rentnerin in den Wagen half und keinen Fahrschein verlangte, den Tierpfleger, der den Affen eine Sonderration Obst austeilte, die nervöse Krankenschwester, die sich trotz Zeitnot die Sorgen der Patienten anhörte und den Hauswirt, der die Mieter durch allerlei Schikanen rausekeln wollte und nun mit einem Lächeln dafür sorgte, dass eine Hofparty stattfinden konnte mit dem Ergebnis, dass sich die Mieter näher kamen und versprachen, bei der anstehenden Renovierung mit Hand anzulegen.
So konnte das Lächeln müde, aber zufrieden mit seinen Erfolgen, nach Hause fliegen. Es hatte den Menschen wieder einmal mehr das Lächeln beigebracht. Morgen sollte das Wechselspiel von neuem beginnen.

Anita Breitkopf (geschr. 1997)

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