Anita Breitkopf: Der Jäger


In einer Kleinstadt wie dieser im Bergischen Land kennt man sich. Hier, in Föhrenhofen, geht nichts an Information verloren. Dafür sorgt schon die dicke Frau des Bauern Menzel, die täglich, mit einer frischen Schürze bekleidet, schon morgens hinter der Ladentheke steht und neben Brötchen auch die neuesten Neuigkeiten an den Mann bzw. die Frau bringt.
„Haben Sie schon gehört?“ ist meistens der Auftakt zu einem Gespräch zwischen Laugenbrezeln, Rosinenstuten und Butterkuchen. Ihr entgeht so gut wie nichts, was hier im Dorf passiert, auch wenn es noch gar nicht passiert ist. „Die Frau vom Apotheker Bartscher ist schon wieder schwanger“, erzählt sie der alten Frau Huber, „dabei hat sie schon drei Blagen. Und Zeit zum Erziehen hat sie ja keine, weil sie ihrem Mann im Geschäft helfen muss. Kein Wunder, wenn die Gören auf dumme Gedanken kommen und ständig Blödsinn anstellen. Schließlich sind sie sich den ganzen Tag selbst überlassen“, doziert sie, während sie noch nebenbei Torten und Plundertaschen in die Vitrine sortiert. Sie kennt fast jeden Kunden, der je ihren Laden betreten hat, in und auswendig und hat auch immer einen guten Ratschlag parat, ob man ihn nun hören will oder nicht.
Manfred wartet geduldig, bis er an der Reihe ist und bestellt vier Semmeln und ein Vollkornbrot. Die Bauersfrau begrüßt ihn wie gewohnt mit einem freundlichen: “Guten Morgen, Manfred, na, wie geht es Deiner Frau, ich habe sie ja schon lange nicht mehr gesehen, ist sie krank?“. Ihm schießt die Röte ins Gesicht und er überlegt, wie er um eine ehrliche Antwort herumkommen kann, denn schließlich, was geht es die Alte an, dass seine Frau morgens gern länger im Bett liegen möchte. „Sie hat jetzt so viel zu tun“, lügt er, „seit meine Schwiegermutter bei uns zu Besuch ist“. Mit seiner Brötchentüte im Arm wendet Manfred sich schnell zum Gehen, nicht ohne noch einen schönen Gruß an die Familie mit auf den Weg zu bekommen. Er hat es eilig, schwingt sich auf sein Fahrrad und strampelt nach Hause. Er kann an gar nichts anderes mehr denken als an heute Abend. Er muss heute seine Wette einlösen, die er letzten Samstag in der Dorfkneipe „Zum Goldenen Hirschen“ verloren hatte.
Zu vorgerückter Stunde, mit genügend flüssigem Hopfen im Bauche, war man über ihn hergefallen. Seine Prahlerei hatte ihm diese Suppe eingebrockt. Von riesigen Hirschen und Zwölfendern hatte er geschwärmt, die ihm vor die Flinte gelaufen wären. Der Huber hatte ihn mit Zustimmung aller Trinkbrüder, die sich am Stammtisch versammelt hatten, festgenagelt: „Entweder du zeigst, was du kannst und erlegst einen kapitalen Hirsch oder du zahlst eine Woche Freibier für alle!“
Na, ihm stand jetzt schon der Schweiß auf der Stirn vor Angst, die Wette zu verlieren. Schon seit langem war kein Zwölfender mehr im Revier gesichtet worden. Nur im Jagdzimmer „Zum Goldenen Hirschen“ hing ein Geweih an der Wand. Aber erstmal wollte er jetzt frühstücken! Seine Frau kam im Morgenmantel gerade aus dem Bad, war froher Dinge und pfiff die Melodie mit, die im Radio dudelte. Der Hund lag schwanzwedelnd unter dem Küchentisch und gab ein kurzes „Wuff“ zur Begrüßung von sich.
„Wotan, mein Guter, du bekommst auch gleich dein Fresschen“. „Da bist Du ja schon wieder“, flötete seine Frau und wollte wissen, ob des draußen kalt sei. „Es hat so um die 20 Grad“ antwortete er und begann, sich ein Brötchen zu schmieren. „Hoffentlich kühlt es heute Abend nicht so stark ab“, rief er in Richtung Schlafzimmer, woher er seine Frau am Kleiderschrank hantieren hörte. „Ach ja, du musst ja deine Wette einlösen, das hatte ich beinahe vergessen“. Sie kam zu ihm an den Tisch und gab ihm einen schmatzenden Kuss auf die Stirn. Manfred fand, dass seine Frau in ihrer blauen Bluse mit tiefem Ausschnitt hinreißend aussah. Er hatte ein schlechtes Gewissen, sich in letzter Zeit zu wenig um sie gekümmert zu haben, aber kommendes Wochenende wollte er sie mal wieder so richtig verwöhnen. Ihm würde sicher etwas Passendes einfallen! Jetzt musste er sich aber erst um seine Wette kümmern.
„Du wirst das Vieh schon erledigen“, beruhigte sie ihn, aber Manfred konnte ihren ironischen Unterton nicht überhören. Missmutig schlürfte er seinen Kaffee, griff dann seine Aktentasche und eilte aus dem Haus. Ein siebenstündiger Arbeitstag in der Baufirma lag noch vor ihm. Sicher würden die Kollegen nicht mit Lästereien sparen, waren sie doch alle über diese Wette informiert und manche am Kneipenabend dabei gewesen. Auch Frau Huber hatte dafür gesorgt, dass diese Angelegenheit Dorfgespräch wurde. Aber kneifen ging nicht, sonst wäre er ein für allemal bei seinen Kumpanen unten durch.
Ziemlich gerädert von der Arbeit und dem ganzen Trubel in der Firma kam Manfred nach Hause. Erst dachte er daran, Wotan als Begleitung am Abend mitzunehmen, aber die Gefahr war einfach zu groß, dass der Hund Geräusche machen und damit das Wild vertreiben könnte. Seine Frau war nicht da, sie hatte ihm einen Zettel auf dem Küchentisch hinterlassen, aus dessen Inhalt er entnahm, dass sie den Abend bei ihrer Freundin verbringen würde, da sie seine schlechte Laune vorauszuahnen schien. Recht hatte sie, zumal er auch keine Lust mehr auf dumme Bemerkungen hatte.
Nach einem kargen Abendbrot ohne Appetit, aber mit einigen Bierchen intus, legte er sich auf die Couch, griff nach der Decke und stellte den Wecker auf 3Uhr früh. Bloß nicht verschlafen, das fehlte ihm noch! Wotan legte seine dicke Pfote auf Manfreds Bauch und wollte spielen, aber der Hund musste sich heute mit ein paar Streicheleinheiten zufrieden geben. Wortlos trollte er sich wieder auf seinen Platz, um sich dort geräuschvoll niederzulassen.
Als der Wecker klingelte, schreckte Manfred hoch. Draußen war es noch stockdunkel, die Straßenlaterne von gegenüber warf ihr kaltes Licht ins Zimmer. Beinahe wäre er über Wotan gestolpert, der ausgerechnet vor der Badezimmertür lag. Der Hund jaulte auf, Manfred versuchte, ihn zu beruhigen. „Bloß jetzt keinen Krach machen“, dachte er, „sonst weckst du noch deine Frau auf“. Als er sich mit kaltem Wasser den Schlaf aus den Augen gerieben hatte, schaute ihm ein unrasiertes strubbelhaariges Wesen aus dem Spiegel entgegen. Einen Schönheitswettbewerb würde er jetzt wohl nicht gewinnen, aber den Hirsch wird es kaum stören! Keine Seife, kein Deo war angesagt, selbst Gerüche könnten stören und das Tier warnen.
Er schlich ins Schlafzimmer und tastete nach der Jägeruniform, die ihm seine treusorgende Ehefrau bereits herausgehängt hatte. Manfred bemühte sich, besonders leise zu sein, da fiel ihm der Bügel zu Boden. Erschrocken versuchte er im Halbdunkel, das Teil zu orten, da fiel sein Blick auf das gänzlich leere Ehebett, wo war seine Frau abgeblieben? Er beruhigte und erinnerte sich, dass sie ja bei einer Freundin war und wohl dort auch zum Übernachten geblieben sein musste. Egal, er konnte sich damit jetzt nicht befassen, er musste los.
Er ergriff sein Gewehr, setzte den Hut samt Gamspuschel auf und verließ das Haus. Draußen war noch alles ruhig, nur von irgendwo her kam das Muhen einer Kuh. Der Wald lag noch im Nebel, er bestieg sein Fahrrad und ab ging es. Ihm war recht mulmig zu Mute. Es knackte, als sich die Räder über den Waldboden quälten. Oben auf dem Hochstand angekommen, ihm fröstelte. Er legte sich und sein Gewehr auf die Lauer und klemmte das Fernglas zwischen die Augen. Es war nicht viel zu sehen, die Tannen standen dicht an dicht. Manfred wusste nicht, wie lange er in dieser Position würde ausharren müssen, denn seine Beine waren schon jetzt wie Blei und seine Finger merkwürdig verkrampft.
Da endlich, jetzt bewegte sich etwas im Unterholz. Er presste den Feldstecher noch tiefer in die Augenhöhlen, um nichts zu verpassen. Zwischen dem großen Gebüsch und der kleinen Tannenschonung erschien ein Geweih, er schätzte, das müsse ein ganz großer Hirsch sein. Eigentlich tat ihm das Tier ja leid, aber er dachte an seine eingegangene Wette, er war seinen Freunden den Beweis schuldig. Also wollte er es hinter sich bringen, zielte und drückte ab. Er erschrak selbst über diesen lauten Knall, doch als er durch sein Fernglas schaute, stand der Hirsch immer noch an derselben Stelle. Manfred war irritiert. Wenn er getroffen hätte, würde der Hirsch jetzt nicht mehr zu sehen sein. Hätte der Schuss das Tier verfehlt, wäre es durch den Knall aufgeschreckt und davongelaufen. Manfred verstand das nicht, drückte also ein zweites Mal ab- und das Geweih verschwand. Aufgeregt verließ er in aller Eile den Hochstand und bahnte sich einen Weg durch das Unterholz zu der Stelle, wo er das Tier vermutete.
Ihm stockte der Atem, als er dort ankam: da standen sie alle, seine Zechkumpane und auch seine Frau. Sie fingen ein brüllendes Gelächter an. Manfred verschlug es die Sprache, er war unsicher und wusste nicht, wie er nun reagieren sollte. Seine Freunde hatten ihm einen Streich gespielt. Sie hatten das Hirschgeweih aus dem Dorfkrug geholt und es an der Lichtung platziert. Aus sicherer Entfernung hatten sie das Szenario beobachtet und sich schon auf sein Gesicht gefreut, wenn er den Schwindel bemerken würde. Nun klopften sich die Freunde vor Freude auf die Schultern und auch Manfred musste mitlachen, er wollte ja kein Spielverderber sein.
Die Ehefrauen hatten bereits ein Frühstück im Wald vorbereitet. So zog man lärmend zu Brot, Speck und Schnaps. Nur Manfred warf noch einen verstohlenen neugierigen Blick auf den Hirschkopf – ja, er hatte getroffen, das war ihm doch wichtig – dann folgte auch er lachend seinen Freunden..

Anita Breitkopf (geschr. April 1999)

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