Anita Breitkopf: Schrebergarten "Flotter Wuchs"


„Du, Herbert, los, wir müssen aufstehen, es ist kurz nach sechs Uhr“. Ursel beugt sich über ihren Mann, kitzelt ihn am Ohr, um ihn wach zumachen. „Hmmmm“ knurrt Herbert, „so früh?“. „Ja, hast Du denn vergessen, dass wir nachher Besuch von der Frau von der Morgenpost bekommen? Sie will doch eine Reportage über das Leben hier in der Schrebergartenkolonie schreiben“. „Ist ja gut, aber ein bisschen Räkeln muss noch erlaubt sein“ und Herbert greift nach dem Arm seiner Frau, um sie zu sich heran zu ziehen. „Du Kuschelbär kannst wohl nie genug kriegen“. Ursel gibt ihm einen dicken Kuss auf seine Brust und Herbert brummt genüsslich. Sie kennt ihren Herbert, wenn sie jetzt nachgibt, liegen sie in einer Stunde noch hier herum. „Nein, Liebling, jetzt kannst Du mich nicht überreden. Ich stehe jetzt auf und bereite alles vor“. Aus der Dusche hört Herbert das Plätschern des Wassers und wenig später steigt ihm der Duft frischen Kaffees in die Nase.
Seit sie dieses Grundstück gepachtet haben und das ist jetzt gut zehn Jahre her, sind sie fast das ganze Jahr hier draußen. Erst wollte Ursel ja nicht her, die viele Gartenarbeit, die ständige Verpflichtung, alles in Ordnung zu halten und die ewige Schlepperei waren ihr ein Graus. Aber mit der Zeit machte es ihr doch immer mehr Spaß und sie bekam regelrecht Freude daran, ihr Leben aufs Land zu verlegen. Die Stadtwohnung wurde fast ausschließlich im Winter bewohnt, weil es hier draußen dann doch zu kalt wurde. Herbert hatte zwar furchtbar viel gebaut und gewerkelt an der Laube, so dass das Holzhäuschen jetzt recht stattlich aussah, aber der kleine Ofen reichte bei Minustemperaturen nicht aus, um drinnen eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Der Gladiolenweg lag direkt am Wald an der so genannten Grenze zur Autobahn. Manchmal, wenn der Wind aus Norden kam, hörte man die Autos vorbei brausen, aber dafür lag ihre Parzelle so günstig, dass sie von morgens bis abends volle Sonne bekam.
Im ersten Jahr hatten sie im Garten ordentlich geschuftet. Ursel hatte erst einmal nach ihren Vorstellungen eine große Rasenfläche angelegt, dann eine kleine Terrasse geplant, die von Heckenpflanzen umsäumt werden sollte, um so als Sichtschutz zu dienen. An Obst- und Gemüseanbau hatten sie nicht gedacht, eigentlich sollte dieses Grundstück nur ihrer Erholung dienen. Herbert war kurz vor der Pensionierung, sein Job als Postbeamter wurde gut bezahlt, so konnten sie sich die Pacht leisten. Auch sollten ihre Enkelkinder mal Gelegenheit bekommen, sich hier austoben zu können. Aber leider wurden ihre Pläne durchkreuzt, denn es gab eine Vorordnung für Schrebergartenbesitzer, in der ganz genau festgelegt war, was und wie angebaut, bepflanzt und gepflegt werden musste.

Eines Tages stand nämlich der Vorsitzende des Gartenvereins vor ihrer Tür und hielt ihnen diesen Wisch unter die Nase. „Guten Tag, darf ich mal stören? Mein Name ist Ewald Schön. Ich bin hier der Vorsitzende“ stellte er sich vor. Er war sehr verärgert, mit hochrotem Kopf sah er sie an. „Darf ich mal hereinkommen? Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen!“ und ehe sie etwas antworten konnten, schritt er schon durch den Garten direkt auf sie zu und ließ sich auf einen ihrer Gartenstühle fallen. „Ich muss mit Ihnen mal ein ernstes Wort reden“ prustete er los und dabei hob sich sein dicker Bierbauch auf und nieder. „Haben Sie schon mal was von unserer Verordnung gehört oder gelesen?“ Er schaute Beide fragend an. Herbert bot ihm dann ein Bier an und dann noch eins und noch eins und am späten Nachmittag war man beim Du angekommen.
Das war jedenfalls der Anfang gewesen. Ihr Garten musste noch einmal umstrukturiert werden, denn es war Vorschrift, dass zwei Drittel Anbaufläche für Obst- und Gemüse reserviert sein sollten und nur ein Drittel des schönen Nichtstuns gehören durfte. So waren sie erst später wohlwollend in die Gemeinde der Gartenfreunde aufgenommen worden und lernten nach und nach alle ihre Nachbarn kennen.
„Herbert, jetzt komm´ doch endlich aus dem Bett, es wird Zeit oder willst Du die Reporterin im Schlafanzug begrüßen?“ Ursel steckt ihren Kopf in die Schlafzimmertür und grinst. „Ist ja schon gut, ich steh´ ja auf!“ Herbert, aus seinen Gedanken gerissen, schlurft zur Dusche. Die hat er für viel Geld mal eingebaut, denn das Waschen draußen an der Pumpe war nun doch nichts mehr für ihn, das Wasser war ihm zu kalt! Ursel trägt ihr Bikinioberteil und eine kurze rosafarbene Hose. Trotz der vielen Ehejahre hat sie für ihn nicht an Attraktivität verloren. Bei dieser Hitze, heute sollen wieder 31 Grad werden, wird auch er sich nur eine kurze Hose anziehen. Hinein in die Schlappen und an den Frühstückstisch gesetzt, den Ursel wieder so liebevoll gedeckt hat.
„Wann will die Frau von der Morgenpost denn kommen, Ursel?“ „Sie sagte, so gegen 9 oder 10 Uhr. Willst Du noch etwas Kaffee, Schatz?“ Im ersten Sonnenlicht sieht ihre Scholle wieder einmal so sehr schön aus, stellt Herbert fest. Er wird ihr alles zeigen, was sie so im Laufe der Zeit angebaut haben. Sie soll ruhig wissen, wie viel Geld hier drinsteckt. „ An den Tomatenstauden sind ja schon Früchte dran, Ursel, hast Du das gesehen?“ Ursel will sich gerade ihr Marmeladenbrot in den Mund schieben, da sieht sie im Augenwinkel ihren Nachbarn zur rechten das Tor aufschließen. „Du, Herbert, der Fritz ist gerade gekommen. Hast du ihn gesehen? Der muss nun ausgerechnet heute hier sein, wo die Morgenposttante kommt. Weißte, der ist doch immer so neugierig. Ich wette mit Dir, dass der die ganze Zeit am Zaun herumlungern wird, um gar nichts zu verpassen“. „Kannste nicht ändern, Ursel, lass´ ihn doch. Der wird uns hinterher noch genug mit seiner Fragerei nerven.“ „Na, ein Glück, dass die Meisers in Urlaub sind, sonst würden die auch noch hier Stielaugen kriegen, was“.
„Morjen, morjen, Nachbarn, na, wie isset denn hier so?“. Der köllsche Dialekt von Fritz lässt sich nicht überhören. „Siehste“, flüstert Ursel, „geht schon los!“ „Danke der Nachfrage, mein Lieber, hier ist alles in Gartenzwerg-Ruhe, und wie ist es in der Stadt?“ Herbert erhebt sich von seinem Stuhl und geht an den Gartenzaun, damit Ursel weiter in Ruhe frühstücken kann. Sie kann den Fritz nicht leiden, sie kann überhaupt keine Rheinländer leiden. Die mit ihrem angeborenen Frohsinn finden sich unwiderstehlich, besonders Fritz. Als Herbert mal einige Tage nicht im Garten war, hat der doch tatsächlich versucht, sich an sie heran zu machen. Anfangs fühlte sie sich ja noch geschmeichelt, aber als er sie dann in die Laube drängen wollte, um sie zu einer Liebesnacht zu überreden, hörte bei ihr der Spaß auf. Das hat sie aber lieber nicht dem Herbert erzählt, man weiß ja nie!
„Westphal, Gabi, darf ich hereinkommen?“. Die Reporterin steht am Gartentor mit der Aufschrift: Hier wohnen Ursel und Herbie. Das blaue Blechschild mit der weißen Schrift haben sie zum 5. Jahrestag ihres Einzuges von ihren Kindern geschenkt bekommen und seitdem ziert es den Eingangsbereich. „Nehmen Sie bitte Platz, Frau Westphal. Möchten Sie vielleicht einen Kaffee mit uns trinken?“. Die geblümten Stuhlkissen geben die Farbe der Tischdecke wieder und auch die Servietten sind im gleichen Ton gehalten. Darauf legt Ursel immer sehr viel Wert, dass alles zusammenpassen muss! „Nein, aber wenn Sie vielleicht etwas Kaltes zu trinken für mich hätten?“. Zwischen Schwartau und Rama sucht die Reporterin Platz für ihre Schreibutensilien, als ihr Herbert ein Glas Fanta hinstellt. „Ich freue mich, dass Sie bereit sind, mir einige Fragen zu beantworten. Ich habe nämlich bald Prüfung und muss dazu eine Reportage vorweisen und da habe ich mir nun vorgestellt, ich schreibe etwas aus dem Leben eines Schrebergärtners. Das habe ich so auch telefonisch schon mit ihrer lieben Frau abgesprochen.“
Die Waschbetonplatten der Terrasse sind sauber gekärchert, das Holzgerüst im amerikanischen Westernstil ist geschmückt mit drei Holzrädern ehemaliger Bollerwagen. Blumenkübel mit Grünpflanzen zieren den Boden rund um den Sitzplatz. „Frau Westphal, was wollen Sie denn nun von uns wissen?“. Ursel hat sich zu ihr auf die Bank gesetzt, die an der Stirnseite der Sitzgruppe steht. Herbert sitzt ihnen gegenüber und betrachtet wohlwollend die beiden Frauen. „Ganz schön propper, die Kleine, und gut gebaut“, denkt Herbert. Schade nur, dass sie Hosen im Marlene-Dietrich-Stil trägt, die lassen zu wenig Bein sehen. Dafür ist ihr T-Shirt sehr eng und hat einen tiefen Ausschnitt, sein Inhalt zeichnet sich gut ab. „Herbert, nun sag´ Du doch auch mal was“, schreckt Ursel ihren Mann aus den schönsten Träumen. „Wir können ja mal einen Rundgang machen“ schlägt er jetzt vor. Die Gartenzwergparade am Zaun zu Meisers ist Herbert sehr ans Herz gewachsen. „Da haben wir uns von jeder Reise ein schönes Exemplar mitgebracht“ schwärmt er Frau Westphal vor. „Gefällt Ihnen einer besonders gut?“ Die Reporterin ist sich nicht schlüssig und wendet sich dann spontan der Gemüseecke zu. Die Kartoffelstauden sind schon mächtig groß, die grünen Bohnen stehen in Blüte und die Himbeeren leuchten rot. Herbert schwärmt von der vorjährigen Ernte, während Frau Westphal alles fein säuberlich notiert. Da erscheint der köllsche Jung' am Zaun und mit einem „Halloo, habt ihr Besuch?“ streckt er der Reporterin seine Hand entgegen. „Nein, nein, Fritz, das ist eine Frau von der Zeitung, die eine Reportage machen will, über Schrebergärten und so“. „Ach, das ist ja interessant, möchten Sie auch etwas von mir hören?“ „Ja, das wäre keine schlechte Idee, ich komme gleich zu Ihnen hinüber, wenn ich hier noch ein paar Fotos gemacht habe“. Herbert passt das gar nicht in den Kram, dass sich Fritz zu einer Befragung angeboten hat, aber er ist machtlos gegen so viel Dreistigkeit.
Um einige Fotos zu machen, bittet Frau Westphal die Beiden, Ursel und Herbert, sich auf der Terrasse aufzustellen. Nachdem alles im Kasten ist, verabschiedet sie sich und verschwindet im Nachbargrundstück.
„Das finde ich ja nun unmöglich, aber ich habe Dir ja immer schon gesagt, der Fritz ist einfach unberechenbar“. Ursel ist enttäuscht, dass nun schon alles vorbei sein soll. „Lass' man gut sein, mein Schatz“, versucht Herbert seine Frau zu trösten, „die Westphal wird schon wissen, was sie da tut“.
Als der Sonnenuntergang die Schrebergartenidylle in rotes Licht taucht, hört man aus der Laube von Fritz Schmuserock-Musik. Im Lichtschatten sieht man nicht nur die Mücken tanzen, auch die Geranien und Petunien nicken im Takt, bis dass die Dunkelheit ihren Schleier darüber ausbreitet.

(Geschrieben September 2002)

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