Iris Badum: Bergliebe - Eine Sylvestergeschichte
Es war der letzte Tag im Jahr, und wie immer würde es jede Menge Feten, Böller und Alkoholvergiftungen geben. Nicht so für mich. Nein, dieses Jahr keine Feier, keine Menschenmassen und nicht zu viel Alkohol. Was dann? Meine erste große Liebe. Ja, meine erste große Liebe, das war es, was an Sylvester auf mich wartete. Wir wollten Sylvester gemeinsam auf dem nahe gelegenen Berg verbringen und herunterschauen in das Tal auf die vielen Feten, Böller und Alkoholvergiftungen.
Es war der letzte Tag im Jahr, ein sehr kalter Tag. Schnee lag. Nicht viel, aber immerhin. Eisverfroren waren die Äcker und auch die Straßen. Nun, er kam. Meine erste Liebe. Er kam und wir tranken gemeinsam Tee und redeten. Belangloses. Was sollen Liebende auch reden? Er packte mein Geschenk aus, und ein Lächeln umspielte seinen Mund, als hätte er das erwartet. Ein Gitarrenstimmgerät. Wir spielten gemeinsam Gitarre. Er konnte das viel besser als ich und war immer schon beim nächsten Lied, während ich noch die richtigen Griffe auf der Gitarre suchte. Sein verschmitzter Blick - mit gesenkten Lidern und einem rätselhaftem Lächeln - blieb irgendwo hängen zwischen mir und dem Stimmgerät.
Es war der letzte Tag im Jahr, ein sehr kalter Tag. Das bekamen wir auf unserer Fahrt mit den Rädern zu spüren. Die Nasen drohten einzufrieren, ebenso meine Finger in den viel zu dünnen Handschuhen. Aber es war so klar wie sonst nie: ich würde ihn nicht um seine Handschuhe bitten. Und er, der meine große Liebe war, würde mir seine Handschuhe nicht anbieten. So fuhren wir also und unterhielten uns, damit nicht auch noch die Lippen einfroren. Sahen den Mond und die Sterne.
Es war eine kalte, klare Nacht. Wir ließen die Räder am Fuß des Berges zurück. Viele kleine Lichtpunkte bewegten sich gespenstisch bergauf, zum Plateau des Berges. Wir schlossen uns den wandelnden Fackeln an, wir waren Nutznießer der Lichter. Der Mond schien hell, und wir lachten. Schnee lag auf dem steilen Weg. Die kalte, reine Luft rötete unsere Wangen. Schritt um Schritt bergan. Kälte stand zwischen uns, Kälte.
In dieser sternklaren Nacht fand sich auf der Anhöhe eine wogende Menschenmasse ein, die lachend und grölend die erste Minute, ja die erste Sekunde des nächsten Jahres zu erhaschen suchte. Eine Berg-Fete mit Böllern und Alkoholvergiftungen. Verwirrt blickten wir uns an - nicht das hatten wir gesucht. Nein, darauf wollten wir hinunterblicken.
Weit entfernt schien uns das Kreuz auf der anderen Seite des Berges, aber es war schnell zu erreichen, das wussten wir. Durch den Schnee schlitternd und hastend liefen wir auf diese Minute zu, auf die Minute des neuen Jahres. Endlich, endlich Ruhe - Ruhe. Kein Grölen. Keine Menschenmasse. Nur wir zwei. Meine erste große Liebe. Und ich. Dazwischen Kälte. Zwei Gläser, die mit Sekt gefüllt - >Pling< - die erste Minute erhaschten. Wir blickten auf die Böller, die hell und bunt in tausend Farben leuchteten über das ganze Land. Wir froren, aber der Anblick verschlug uns das Zittern. Wir froren, aber die Glocken verschlugen uns die Sprache.
Es war die Nacht der tausend Lichter und der weithin klingenden Kirchenglocken. Die Nacht der Eiseskälte zwischen der großen Liebe meines Lebens und mir, die Nacht der unendlichen Herzensleere und Lichterfülle. Da stand sie, meine große Liebe: "Damals, ja, schon." Damals hatte er mich geliebt mit allem was er hatte und mit allem, was er war. Nicht heute. Nicht morgen. Nicht mehr.
Es war eine kalte Nacht, diese erste Nacht im neuen Jahr. Wir fuhren heim durch den Schnee. Wir tranken Tee bei mir, um uns zu wärmen.
(Copyright Iris Badum
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