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Arundhati
Roy - Der Gott der kleinen Dinge Aus dem Englischen von
Anette Grube
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Hin und wieder gibt es Ausnahmeerscheinungen in der Literatur. Die indische Autorin Arundhati Roy ist sicher so eine Ausnahme. Sie ist eine Vorreiterin im Kampf für die Rechte der Frauen und der unterdrückten Schichten im modernen Indien. Grund genug, ihren ersten Roman international zu einem Bestseller zu küren, meinten die Verlage dieser Welt. Schade eigentlich, dass Der Gott der kleinen Dinge ein furchtbar schlechtes Buch geworden ist.
Im Mittelpunkt des Buches stehen die Zwillinge Rahel und Estha, die gemeinsam mit Oma, Großtante, Onkel und Mutter ein Leben in, für indische Verhältnisse, großem Reichtum führen. Doch der Familiensegen hängt schief. Ihre Großtante Baby Kochamma leidet noch unter ihrer enttäuschten Liebe zu einem jungen Engländer und rächt sich an allen, indem sie ständig Gift versprüht, die Oma ist blind und scheint außer ihrem Sohn niemand zu lieben, der Sohn wiederum, Chacko, macht sein Geld als Hersteller von leckeren Pickels und Konserven, deren eigentümlicher Geschmack wohl vor allem daher rührt, dass eine Eule des öfteren ihren Dreck in die Schüsseln fallen lässt.
Und am allerschlimmsten: Rahels und Esthas Mutter Ammu hat eine Affäre mit einem Angehörigen der untersten Kaste, einem Unberührbaren. Aber es wird etwas ganz Schreckliches passieren, wie uns Arundhati Roy alle paar Seiten verspricht und so versucht, den gelangweilten Leser bei der Stange zu halten.
Der Alltag unserer Familie kommt gehörig ins Schwanken, als Chackos englische Ex-Frau Magaret und Töchterlein Sophie nach Indien zu Besuch kommen. Alle freuen sich auf die kleine Sophie, die ja viel anständiger und hübscher ist als die kleine Rahel und der kleine Estha. Alle lieben sie, ist sie nicht ein niedliches Mädchen?
Wie es uns die Autorin versprochen hat: Alle Katastrophen brechen auf einmal auf die Familie ein. Bei einer kleinen Bootsfahrt der Kinder, ertrinkt die kleine Sophie; die Affäre Ammus mit dem Unberührbaren tritt zum Vorschein, worauf dieser von der Polizei zu Tode geprügelt wird. Ammu hat die Familienehre beschmutzt und Estha wird schließlich von seiner Familie getrennt und muss zum ungeliebten Vater ziehen, der irgendwo anders im weiten Indien sein sicher ebenso reizvolles Dasein fristet. Ob auch er es schafft, seinem Sohn ähnliche seelische Grausamkeiten zuzufügen, wie die Mutter?
Alles wunderbar? Eine kleine Liebesgeschichte mit einem Schuss Tragödie und dann sogar noch etwas Gesellschaftskritik? Vielleicht. Doch leider versucht Roy mit ihrem Buch auch noch einen literarischen Anspruch zu erfüllen. Dazu müssen natürlich Metaphern und Vergleiche her, zwei literarische Mittel, die Arundhati Roy an keiner Stelle des Buches beherrscht.
Hinzu kommt ein völlig misslungener Versuch, mit verschiedenen Zeitebenen zu spielen. Das Buch springt munter von Gegenwart, ferner Vergangenheit, naher Vergangenheit und Zukunft hin und her, ohne den Leser vorzuwarnen. Auf einmal ist Rahel eine erwachsene Frau, dann werden wir plötzlich wieder Zeugen ihrer ungewöhnlichen Geburt in einem Bus, nichts wird ausgelassen.
Menschliche Exkremente, Erbrochenes und ungewöhnlich unästhetische sexuelle Triebe scheinen einen hohen Stellenwert im Leben der Inder zu haben. So etwas liest der Leser natürlich gerne. Sehr interessant, wenn der arme Estha einen Verkäufer von Limonade befriedigen muss und ihm hinterher noch das "Eiweiß" an der Hand klebt.
Spätestens nach dem Lesen des Nebensatzes "Während Väter sublimierte sexuelle Spiele mit ihren gut entwickelten Teenagertöchtern spielten, [...]" gebührt Arundhati Roy unsere tiefste Verachtung für dieses Machwerk.
© Till Weingärtner 2003
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